Digitaler Großhandel: Faire zieht fünf Jahre nach dem Europa-Start Bilanz

Fünf Jahre nach dem Start in Europa legt Faire neue Zahlen zur Entwicklung seiner Großhandelsplattform vor. Die Daten zeigen, wie stark digitaler Großhandel inzwischen in den Einkaufs- und Vertriebsprozessen unabhängiger Händler und Marken verankert ist. Zugleich wird deutlich: Plattformen schaffen Zugang, aber auch neue Abhängigkeiten.

📌 Auf einen Blick

Faire meldet für Europa nahezu 100.000 Händler und mehr als 50.000 Marken. Seit 2022 stiegen die Ausgaben pro Händler um 156 %, die Bestellungen pro Marke um 123 % und die Wiederbestellrate um 30 %. Auffällig ist zudem der internationale Handel: 26 % der Marken erhalten grenzüberschreitende Bestellungen.

Digitaler Großhandel: Faire zieht fünf Jahre nach dem Europa-Start Bilanz
Digitaler Großhandel: Faire zieht fünf Jahre nach dem Europa-Start Bilanz

Digitaler Großhandel wird für unabhängige Händler relevanter

Als Faire vor fünf Jahren nach Europa expandierte, war das Ziel klar umrissen: Die Plattform sollte unabhängige Einzelhändler und Marken innerhalb lokaler Märkte und über Ländergrenzen hinweg miteinander verbinden. Die nun vorgelegten Zahlen zeigen, dass digitaler Großhandel nicht mehr nur ein Zusatzkanal ist, sondern für viele Marktteilnehmer zu einem festen Bestandteil von Einkauf, Vertrieb und Sortimentsteuerung geworden ist.

In Deutschland sind laut Faire inzwischen Händler aus mehr als 8.000 Städten auf dem Marktplatz aktiv. Europaweit, zusammen mit Australien und Neuseeland, umfasst das Netzwerk nahezu 100.000 Händler und mehr als 50.000 Marken. Allein in Europa wurden nach Unternehmensangaben bisher mehr als 800.000 neue Geschäftsbeziehungen zwischen Marken und Händlern über die Plattform geknüpft. Zudem wurden 20 Millionen Artikel verkauft.

Diese Zahlen stehen für eine Entwicklung, die im Großhandel schon länger sichtbar ist: Kleine und unabhängige Händler suchen nach Wegen, ihr Sortiment schneller zu erneuern, neue Produkte zu testen und Einkaufsrisiken besser zu steuern. Klassische Messekontakte, regionale Vertreterstrukturen und langjährige Lieferantenbeziehungen bleiben relevant, geraten aber zunehmend unter digitalen Druck.

Marken profitieren von Reichweite, zahlen aber mit Plattformabhängigkeit

Für Marken liegt der zentrale Nutzen von Faire im Zugang zu neuen Absatzmärkten. Nach Angaben des Unternehmens stiegen die Bestellungen pro Marke seit 2022 um 123 %. Die Wiederbestellrate legte im selben Zeitraum um 30 % zu. Fast 90 Marken auf der Plattform haben inzwischen mehr als eine Million Euro Umsatz erzielt, darunter sieben aus Deutschland.

Besonders auffällig ist der grenzüberschreitende Handel. 26 % aller Marken auf Faire erhalten internationale Bestellungen und exportieren ihre Produkte im Durchschnitt in fünf weitere Länder. Damit adressiert die Plattform ein strukturelles Problem im traditionellen Großhandel: Internationale Expansion war für kleinere Anbieter häufig teuer, administrativ aufwendig und schwer planbar.

Ein Beispiel liefert die Marke by Vivi. Gründerin Vivi Wagner beschreibt, dass sich durch Faire der Zugang zu außereuropäischen Märkten geöffnet habe. Bereits im ersten Jahr seien 20 % des Umsatzes aus den USA gekommen. Solche Fälle zeigen, warum digitaler Großhandel für junge Marken attraktiv ist. Gleichzeitig bleibt die nüchterne Frage, wie stark Unternehmen ihre Internationalisierung auf eine einzelne Plattform stützen sollten. Wer Reichweite einkauft, gibt immer auch einen Teil der Kontrolle über Sichtbarkeit, Konditionen und Kundenbeziehungen ab.

Händler geben mehr aus und testen schneller neue Sortimente

Auch auf Händlerseite meldet Faire deutliche Zuwächse. Seit 2022 stiegen die Ausgaben pro Händler um 156 %. Der durchschnittliche Bestellwert erhöhte sich um 22 %. Das spricht dafür, dass Händler digitale Großhandelsplattformen nicht mehr nur für Einzeltests nutzen, sondern zunehmend als regulären Beschaffungskanal einsetzen.

Der Mehrwert liegt vor allem in der Sortimentsbreite und der Geschwindigkeit. Händler können neue Produkte entdecken, kleinere Mengen testen und schneller auf veränderte Nachfrage reagieren. Gerade in Märkten mit kurzen Trendzyklen kann das ein Vorteil sein. Wer jedoch immer stärker datengetrieben einkauft, muss zugleich prüfen, ob Sortiment und Ladenprofil noch eigenständig bleiben oder zunehmend von Plattformlogiken geprägt werden.

Für den unabhängigen Einzelhandel ist das ein zweischneidiger Befund. Digitaler Großhandel kann Zugang zu neuen Marken schaffen und Einkaufsprozesse effizienter machen. Er kann aber auch dazu führen, dass viele Händler ähnliche Produkte entdecken, ähnliche Trends bedienen und sich damit weniger deutlich voneinander abgrenzen.

Der Großhandel wird digitaler, aber nicht automatisch unabhängiger

Die neuen Faire-Zahlen zeigen, dass digitaler Großhandel im europäischen Markt an Bedeutung gewonnen hat. Für Marken entstehen neue Exportmöglichkeiten, für Händler neue Wege der Produktbeschaffung. Das ist wirtschaftlich relevant, weil der Großhandel lange von persönlichen Kontakten, gewachsenen Vertriebsstrukturen und hohen Eintrittshürden geprägt war.

Trotzdem sollte die Entwicklung nicht nur als Erfolgsgeschichte gelesen werden. Plattformen vereinfachen den Zugang, bündeln Nachfrage und senken operative Hürden. Gleichzeitig verschieben sie Marktmacht. Wer Einkauf, Sichtbarkeit, Bestellprozesse und internationale Reichweite über eine Plattform abwickelt, bewegt sich in einem System, dessen Regeln nicht allein vom eigenen Geschäftsmodell bestimmt werden.

Für unabhängige Händler und Marken wird deshalb entscheidend sein, digitalen Großhandel strategisch zu nutzen, ohne die eigene Position im Markt zu schwächen. Die Faire-Zahlen liefern dafür einen aktuellen Gradmesser: Der Großhandel wird digitaler, internationaler und datenbasierter. Ob er dadurch auch widerstandsfähiger wird, hängt davon ab, wie breit Händler und Marken ihre Kanäle tatsächlich aufstellen.

Faktenbox

Fakten zu Faire und digitaler Großhandel
AnlassFünf Jahre Faire in Europa
SchwerpunktDigitaler Großhandel für unabhängige Händler und Marken
Aktive Händler in DeutschlandHändler aus mehr als 8.000 Städten
NetzwerkgrößeNahezu 100.000 Händler und mehr als 50.000 Marken in Europa, Australien und Neuseeland
Geschäftsbeziehungen in EuropaMehr als 800.000 neue Verbindungen zwischen Marken und Händlern
Verkaufte Artikel in Europa20 Millionen Artikel
WiederbestellrateSeit 2022 um 30 % gestiegen
Bestellungen pro MarkeSeit 2022 um 123 % gestiegen
Ausgaben pro HändlerSeit 2022 um 156 % gestiegen
Durchschnittlicher BestellwertSeit 2022 um 22 % gestiegen
Internationale Bestellungen26 % der Marken erhalten Bestellungen aus dem Ausland
ExportreichweiteExportierende Marken verkaufen im Schnitt in fünf weitere Länder