Wero, Cloud und KI: Europas Alternativen zu US-Tech

Fast neun von zehn Unternehmen in Deutschland nutzen digitale Produkte oder Dienste US-amerikanischer Anbieter. 31 Prozent sehen sich stark abhängig, doch viele ziehen daraus keine Konsequenzen. Die aktuelle ifo-Auswertung zeigt damit nicht nur eine digitale Abhängigkeit, sondern auch ein praktisches Dilemma: Europäische und deutsche Alternativen existieren bei Cloud, KI, Office und Payment, decken aber nicht überall die Breite, Skalierung und Ökosysteme der US-Konzerne ab. Im Zahlungsverkehr wird zugleich sichtbar, dass Europa inzwischen zwei unterschiedliche Antworten verfolgt: Mit Wero entsteht bereits eine privatwirtschaftliche europäische Bezahllösung, während der digitale Euro frühestens 2029 kommen könnte – und bei deutschen Unternehmen bislang kaum Begeisterung auslöst.

📌 Auf einen Blick

88,3 Prozent der befragten Unternehmen nutzen digitale Produkte aus den USA, 31 Prozent sehen eine große Abhängigkeit. Von den Unternehmen, die darin ein Risiko erkennen, planen 41,7 Prozent keine Gegenmaßnahmen. Alternativen entstehen mit IONOS, STACKIT, T Cloud, OVHcloud, Nextcloud, Mistral AI und Wero. Beim digitalen Euro erwarten dagegen 77 Prozent der Unternehmen keinerlei Auswirkungen und nur 0,7 Prozent klar positive Effekte.

Digitale Abhängigkeit: Europas Alternativen zu US-Tech
Digitale Abhängigkeit: Europas Alternativen zu US-Tech

Digitale Abhängigkeit betrifft fast die gesamte Wirtschaft

Grundlage der ifo-Auswertung sind die Konjunkturumfragen vom Juli 2026 mit 5.575 Unternehmen. Lediglich 11,7 Prozent geben an, überhaupt keine digitalen Produkte US-amerikanischer Anbieter einzusetzen. Umgekehrt nutzen 88,3 Prozent entsprechende Angebote.

Das ifo Institut weist darauf hin, dass die tatsächliche Nutzung sogar höher liegen könnte. Betriebssysteme, Bürosoftware, Kommunikationsdienste, Cloud-Angebote, Entwicklerplattformen und KI-Anwendungen stammen häufig von US-Unternehmen. Manche dieser Abhängigkeiten sind im Arbeitsalltag so selbstverständlich geworden, dass sie kaum noch als strategisches Risiko wahrgenommen werden.

Besonders ausgeprägt ist die digitale Abhängigkeit bei informationsintensiven Dienstleistungen. In Werbung und Marktforschung geben 69,8 Prozent der Unternehmen eine große Abhängigkeit an. Bei IT-Dienstleistern sind es 55,2 Prozent und bei Unternehmensberatungen 50,4 Prozent.

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Auch der Handel ist betroffen. Dort bezeichnen 28,3 Prozent ihre Abhängigkeit als groß, weitere 18,4 Prozent als mittel. Nur 14 Prozent der Handelsunternehmen erklären, keine entsprechenden US-Produkte einzusetzen.

Risiko erkannt, Gegenmaßnahmen vertagt

Von den Unternehmen, die US-Technologie nutzen, betrachten 32,4 Prozent ihre Situation als sehr riskant. 29,7 Prozent sehen ein mittleres Risiko, während 37,8 Prozent die Abhängigkeit für kaum oder gar nicht riskant halten.

Noch auffälliger ist die Reaktion jener Firmen, die selbst ein Risiko erkennen: 41,7 Prozent planen keinerlei Gegenmaßnahmen. Bezogen auf alle befragten Unternehmen sehen damit 22,8 Prozent ein Problem, ändern aber vorerst nichts.

Wo gehandelt werden soll, steht der Wechsel auf europäische Alternativen mit 34,2 Prozent an erster Stelle. 29,8 Prozent wollen Anbieter stärker diversifizieren, 19 Prozent erwägen Open-Source-Lösungen und 18,2 Prozent den Aufbau eigener IT-Infrastruktur.

Das klingt zunächst nach mangelnder Konsequenz. Ganz so einfach ist es aber nicht. IT-Systeme lassen sich selten wie Stromanbieter austauschen. Datenmigration, Schnittstellen, Fachanwendungen, Identitätsmanagement, Schulung und bestehende Verträge machen einen Wechsel teuer und riskant. Wer Microsoft 365, AWS oder Google Cloud ersetzt, wechselt häufig nicht nur ein Produkt, sondern ein ganzes Ökosystem.

Deutsche Cloud-Alternativen sind vorhanden

Die Behauptung, Europa habe überhaupt keine Alternativen, wäre falsch. Gerade in Deutschland gibt es mehrere Anbieter, die auf Datensouveränität und europäische Infrastruktur setzen.

IONOS betreibt Cloud-Infrastruktur in Deutschland und positioniert sich ausdrücklich als europäischer Anbieter. STACKIT, die Cloud-Plattform von Schwarz Digits, betreibt Rechenzentren in Deutschland und Österreich und bietet Infrastruktur-, Plattform- und Softwaredienste an.

Die Deutsche Telekom baut mit ihren Cloud-Angeboten ebenfalls europäisch kontrollierte Infrastruktur aus. Daneben besteht mit der Open Telekom Cloud bereits ein Angebot mit europäischen Rechenzentrumsstandorten. Aus Frankreich kommt OVHcloud als weiterer größerer europäischer Infrastruktur- und Cloud-Anbieter.

Damit gibt es reale Optionen zu AWS, Microsoft Azure und Google Cloud. Die entscheidende Einschränkung: Nicht jeder europäische Anbieter bietet dieselbe Breite an Plattformdiensten, Entwicklerwerkzeugen, Datenbanken, KI-Funktionen und globalen Regionen wie die US-Hyperscaler.

Genau das spiegelt der Bitkom Cloud Report 2026. 71 Prozent der Unternehmen nutzen aktuell Cloud-Angebote aus den USA, aber nur 8 Prozent würden US-Anbieter bevorzugen. Deutsche Provider werden von 53 Prozent genutzt, wären jedoch für 91 Prozent die bevorzugte Wahl.

Gleichzeitig sagen 43 Prozent, dass es für ihre Anforderungen keine gleichwertigen europäischen Alternativen zu den US-Hyperscalern gibt. Die digitale Abhängigkeit entsteht deshalb nicht nur aus Bequemlichkeit. Sie ist teilweise das Ergebnis eines Funktions- und Skalierungsvorsprungs.

Auch bei Office und KI gibt es europäische Optionen

Die Suche nach Alternativen endet nicht bei Rechenzentren. Für Zusammenarbeit, Dateiverwaltung und Bürosoftware steht beispielsweise Nextcloud aus Deutschland zur Verfügung.

Mit openDesk hat das Zentrum für Digitale Souveränität eine Open-Source-basierte Office- und Kollaborationssuite aufgebaut. Sie bündelt unter anderem Funktionen für Dokumente, Videokonferenzen, Chat, E-Mail und Dateiverwaltung. Die Lösung richtet sich vor allem an die öffentliche Verwaltung, zeigt aber, dass Microsoft 365 nicht auf jeder Ebene alternativlos ist.

Auch bei generativer KI entstehen Optionen. Das französische Unternehmen Mistral AI entwickelt eigene Sprachmodelle und bietet Lösungen an, die auch in europäischer oder eigener Infrastruktur betrieben werden können. IONOS stellt mit seinem AI Model Hub ebenfalls KI-Angebote auf europäischer Cloud-Infrastruktur bereit.

Hinzu kommen Open-Source-Modelle, die Unternehmen bei europäischen Cloud-Anbietern oder in der eigenen Infrastruktur betreiben können. Damit lässt sich zumindest ein Teil der Daten- und Anbieterabhängigkeit reduzieren.

Das bedeutet allerdings nicht, dass ChatGPT, Claude, Gemini oder Microsoft Copilot für jedes Unternehmen problemlos ersetzt werden können. Funktionsumfang, Integrationen, Modellqualität und Entwicklerökosystem unterscheiden sich. Digitale Abhängigkeit ist deshalb kein binärer Zustand. Unternehmen können einzelne kritische Komponenten verlagern, ohne ihre gesamte IT auf einen Schlag umzubauen.

Der Anthropic-Fall zeigt das politische Risiko

Auslöser der ifo-Untersuchung war ein Vorgang im Juni 2026. Das US-Handelsministerium beschränkte den Zugriff ausländischer Nutzer auf besonders leistungsfähige KI-Modelle des US-Anbieters Anthropic. Weil die Einschränkung technisch nicht sauber auf einzelne Nutzergruppen begrenzt werden konnte, war der Zugang zeitweise auch außerhalb der USA beeinträchtigt. Die Beschränkungen wurden später wieder aufgehoben.

Der unmittelbare wirtschaftliche Schaden blieb begrenzt. Der Vorgang demonstrierte jedoch, wie schnell aus digitaler Abhängigkeit ein politisches Geschäftsrisiko werden kann.

Für Unternehmen stellt sich deshalb nicht nur die klassische Frage nach Preis, Leistung und Datenschutz. Hinzu kommt die Frage, ob eine ausländische Regierung den Zugang zu einer geschäftskritischen Technologie beschränken kann.

Payment ist die oft übersehene zweite Abhängigkeit

Für Handel und E-Commerce reicht der Blick auf Cloud und Software ohnehin nicht aus. Die digitale Abhängigkeit reicht bis an die Kasse.

Ein erheblicher Teil digitaler Kartenzahlungen im Euroraum läuft über internationale Systeme. Vor allem Visa und Mastercard prägen die Infrastruktur. Für Onlinehändler kommt eine weitere Ebene hinzu: PayPal ist ein US-Unternehmen, ebenso Stripe. Auch Apple Pay und Google Pay werden von US-Technologiekonzernen kontrolliert.

Gerade beim Payment zeigt sich die Konsequenz unmittelbar. Fällt eine Kollaborationssoftware aus, können Mitarbeiter möglicherweise vorübergehend auf andere Kommunikationswege ausweichen. Funktioniert der Checkout oder die Zahlungsabwicklung nicht, wird aus dem Technologieproblem sofort ein Umsatzproblem.

Die digitale Abhängigkeit im Zahlungsverkehr hat deshalb eine andere operative Qualität als die Abhängigkeit von mancher Bürosoftware.

Europäischer Payment-Anbieter heißt nicht europäisches Payment

Allerdings muss zwischen dem Zahlungsdienstleister eines Händlers und dem eigentlichen Zahlungssystem unterschieden werden.

Mit Adyen und Mollie aus den Niederlanden, Worldline aus Frankreich oder Nexi aus Italien gibt es große europäische Payment-Anbieter. In Deutschland kommen unter anderem Unzer, Payone und Computop hinzu.

Sie können beispielsweise Stripe oder andere US-amerikanische Payment-Plattformen auf Ebene des Payment Service Providers ersetzen oder zumindest die Anbieterstruktur diversifizieren.

Das löst aber nur einen Teil des Problems.

Bezahlt ein Kunde anschließend mit Visa oder Mastercard, läuft die Transaktion weiterhin über das jeweilige internationale Kartensystem. Ein deutscher Payment Service Provider macht aus einer Mastercard-Zahlung keine deutsche Zahlungsinfrastruktur.

Diese Trennung ist für Händler wichtig. Wer seine digitale Abhängigkeit analysiert, sollte deshalb mindestens drei Ebenen unterscheiden: den Payment Service Provider, das eigentliche Zahlungsverfahren und die darunterliegende Infrastruktur.

Wero ist mehr als ein weiterer Payment Service Provider

Genau hier setzt Wero an. Hinter dem System steht die European Payments Initiative, ein Zusammenschluss europäischer Banken und Zahlungsdienstleister. Wero ist keine europäische Kopie eines klassischen Kreditkartensystems und auch nicht lediglich ein weiterer Payment Service Provider.

Die Zahlung erfolgt grundsätzlich als Konto-zu-Konto-Zahlung. Geld wird direkt zwischen Bankkonten übertragen, ohne dass eine Kartentransaktion über Visa oder Mastercard erforderlich ist.

Wero startete zunächst für Überweisungen zwischen Privatpersonen in Deutschland, Frankreich und Belgien. Inzwischen wird die Lösung systematisch in den E-Commerce gebracht.

Für Händler ist das inzwischen praktisch relevant. Payone bietet deutschen Händlerkunden die Wero-Akzeptanz im E-Commerce bundesweit an. Auch andere europäische Payment-Anbieter binden das System ein.

Seit dem 24. Juli 2026 können Kunden im deutschen Lidl-Onlineshop mit Wero bezahlen. Lidl will die Akzeptanz später auch auf weitere Märkte und den stationären Handel ausweiten. Bereits zuvor war Wero unter anderem bei Eventim verfügbar. Weitere Händler sind angekündigt.

Damit verlässt die Debatte über europäische Zahlungsautonomie langsam die Ebene von Strategiepapieren.

Wero soll PayPal und Kartensystemen Marktanteile abnehmen

Wero hat dabei einen strukturell anderen Ansatz als viele bisherige nationale Lösungen. Es soll grenzüberschreitend funktionieren und schrittweise in mehreren europäischen Märkten eingesetzt werden.

Deutschland, Frankreich und Belgien bilden zunächst den Kern. Die Niederlande sind besonders interessant, weil das dort etablierte Bezahlsystem iDEAL schrittweise in Wero überführt werden soll. Auch Luxemburg ist Teil der Ausbaupläne.

Für den E-Commerce ist das entscheidend. Nationale Lösungen waren bislang oft erfolgreich, blieben aber an Landesgrenzen hängen. Händler mit mehreren europäischen Märkten mussten deshalb trotzdem auf internationale Payment-Systeme zurückgreifen.

Wero versucht diese Fragmentierung zu überwinden.

Ob das gelingt, hängt allerdings nicht nur von den beteiligten Banken ab. Ein Zahlungsverfahren wird für Verbraucher erst interessant, wenn es bei ausreichend vielen Händlern verfügbar ist. Händler wiederum integrieren neue Zahlarten ungern, solange zu wenige Kunden danach fragen.

Es ist das klassische Henne-Ei-Problem des Payment-Marktes. Visa, Mastercard und PayPal müssen dieses Problem nicht mehr lösen. Wero schon.

Girocard zeigt Stärke und Grenzen nationaler Systeme

In Deutschland existiert mit der girocard bereits seit Jahrzehnten ein eigenes Zahlungssystem. Mehr als 100 Millionen Karten sind ausgegeben, und vor allem im stationären Handel spielt das System eine zentrale Rolle.

Aus Sicht des Handels ist die girocard auch wegen der Kosten interessant. Untersuchungen der Bundesbank zeigen, dass sie für Händler im Durchschnitt günstiger sein kann als internationale Debit- und Kreditkarten.

Ihr Problem liegt jedoch im digitalen und internationalen Einsatz. Die girocard wurde lange in erster Linie für den stationären deutschen Markt entwickelt. Digitale Einsatzmöglichkeiten werden zwar ausgebaut, eine flächendeckende europäische E-Commerce-Alternative zu Visa, Mastercard oder PayPal ist sie aber nicht.

Genau daran wird sichtbar, warum digitale Abhängigkeit nicht allein durch nationale Lösungen beseitigt werden kann. Ein deutscher Händler kann ein deutsches Zahlungsverfahren nutzen. Ein europaweit tätiger Onlinehändler benötigt jedoch Reichweite über Ländergrenzen hinweg.

Wero soll diese Lücke auf europäischer Ebene schließen.

Wero und digitaler Euro sind nicht dasselbe

In der öffentlichen Diskussion werden Wero und der digitale Euro gelegentlich in einen Topf geworfen. Beide Projekte sollen Europas Position im digitalen Zahlungsverkehr stärken. Technisch und institutionell handelt es sich aber um zwei grundsätzlich unterschiedliche Ansätze.

Wero ist eine privatwirtschaftliche Bezahllösung. Betreiber ist die European Payments Initiative. Banken und Zahlungsdienstleister stellen die Infrastruktur bereit, Kunden bezahlen unmittelbar über ihre Bankkonten.

Der digitale Euro wäre dagegen digitales Zentralbankgeld. Herausgeber wäre das Eurosystem. Er wäre damit die digitale Entsprechung von Bargeld und keine Forderung gegenüber einem privaten Zahlungsanbieter.

Der Unterschied ist für Händler relevant. Wero konkurriert unmittelbar mit vorhandenen Zahlungsarten im Checkout. Der digitale Euro soll dagegen zusätzlich eine öffentliche europäische Zahlungsebene schaffen.

Beide Projekte adressieren damit die digitale Abhängigkeit Europas, aber an unterschiedlichen Stellen.

Digitaler Euro: Unternehmen reagieren mit wenig Enthusiasmus

Gerade beim digitalen Euro zeigt sich allerdings eine bemerkenswerte Diskrepanz zwischen politischer Bedeutung und betrieblicher Wahrnehmung.

Das ZEW – Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung hat rund 800 Unternehmen aus dem Verarbeitenden Gewerbe und der Informationswirtschaft in Deutschland repräsentativ befragt.

Das Ergebnis lässt sich kaum als Rückenwind interpretieren.

Rund 77 Prozent erwarten keinerlei Auswirkungen durch die Einführung des digitalen Euros. Weitere rund 17 Prozent rechnen mit negativen oder eher negativen Folgen.

Lediglich 6 Prozent erwarten eher positive Auswirkungen. Nur 0,7 Prozent rechnen mit eindeutig positiven Effekten.

Damit findet ein Projekt, das von der EZB ausdrücklich auch mit europäischer Souveränität im Zahlungsverkehr begründet wird, bei Unternehmen bislang kaum Resonanz.

Bekannt ist der digitale Euro durchaus

Unwissenheit allein erklärt die Zurückhaltung nicht.

Fast 60 Prozent der Unternehmen kennen die Pläne der Europäischen Zentralbank. Bei Unternehmen mit mindestens 100 Beschäftigten liegt der Anteil sogar bei 67 Prozent. Bei kleineren Unternehmen sind es 59 Prozent und bei mittelgroßen 56 Prozent.

Die Bekanntheit hat gegenüber 2024 leicht zugenommen. Damals gaben 55 Prozent an, von den Plänen zu wissen.

Das Problem ist also weniger fehlende Wahrnehmung als fehlender erkennbarer Nutzen.

Die digitale Abhängigkeit Europas mag auf politischer Ebene ein gewichtiges Argument sein. Für ein Unternehmen entscheidet sich die Attraktivität einer neuen Zahlart jedoch wesentlich profaner: Was kostet die Integration? Wie viele Kunden nutzen sie? Verbessert sie Conversion oder Kostenstruktur? Wie aufwendig sind Buchhaltung, Rückerstattung und Abstimmung?

Digitale Souveränität allein bezahlt noch keine Integrationsrechnung.

Nur knapp ein Drittel erwartet überhaupt Anpassungen

Bemerkenswert ist auch ein weiteres Ergebnis der ZEW-Befragung.

Nur 32 Prozent der Unternehmen rechnen damit, durch den digitalen Euro Anpassungen vornehmen zu müssen. Zwei Jahre zuvor waren es noch 40 Prozent.

Das kann Gelassenheit sein. Es kann aber auch darauf hindeuten, dass viele Unternehmen die möglichen praktischen Folgen noch nicht eingeordnet haben.

Denn sofern die derzeit geplante gesetzliche Ausgestaltung umgesetzt wird, könnte der digitale Euro als gesetzliches Zahlungsmittel grundsätzlich von Händlern akzeptiert werden müssen, die bereits digitale Zahlungen annehmen. Die genaue Ausgestaltung hängt allerdings vom noch laufenden europäischen Gesetzgebungsverfahren ab.

Für den Handel wäre das ein erheblicher Unterschied zu Wero.

Wero integriert ein Händler freiwillig. Beim digitalen Euro könnte die Akzeptanz für viele Händler gesetzlich vorgegeben werden.

Eine freiwillige Zahlart trifft auf eine mögliche Annahmepflicht

Genau darin steckt politischer Sprengstoff.

Für Verbraucher soll die Nutzung des digitalen Euros freiwillig bleiben. Unternehmen könnten dagegen bei entsprechender finaler Regulierung zur Annahme verpflichtet sein, sofern sie elektronische Zahlungen akzeptieren.

Das ZEW weist auf diesen Widerspruch ausdrücklich hin. Wenn Unternehmen keinen konkreten Zusatznutzen erkennen, dürfte eine neue Zahlungsmöglichkeit, die Kunden freiwillig nutzen können, Händler aber akzeptieren müssen, die Begeisterung kaum steigern.

Das ist mehr als ein Kommunikationsproblem der EZB.

Es berührt die Frage, wer die Kosten europäischer Zahlungssouveränität trägt. Banken und Payment Service Provider müssen Systeme entwickeln und anbinden. Händler benötigen kompatible Checkout- und Kassensysteme. Prozesse für Zahlungen, Erstattungen und Buchhaltung müssen funktionieren.

Die digitale Abhängigkeit von internationalen Zahlungsanbietern zu reduzieren ist ein strategisches europäisches Ziel. Die praktische Umsetzung landet jedoch irgendwann in den IT-Budgets der Unternehmen.

Banken und Payment-Anbieter könnten einen Teil der Arbeit übernehmen

Allerdings bedeutet eine mögliche Annahmepflicht nicht automatisch, dass jeder Händler selbst eine komplett neue Zahlungsinfrastruktur entwickeln müsste.

Vieles dürfte über Banken, Acquirer und Payment Service Provider abgewickelt werden. Genau diese Dienstleister bilden bereits heute die technische Schnittstelle zwischen Händlern und unterschiedlichen Zahlungsverfahren.

Auch das ZEW weist darauf hin, dass notwendige Anpassungen möglicherweise von Banken und Zahlungsdienstleistern übernommen werden könnten, ohne dass jedes Unternehmen selbst umfangreiche technische Veränderungen durchführen muss.

Für Onlinehändler könnte der digitale Euro dann im Idealfall ähnlich wie eine weitere Zahlart im bestehenden Payment-Stack erscheinen.

Wie groß Aufwand und Kosten tatsächlich ausfallen, hängt jedoch von der endgültigen technischen und regulatorischen Ausgestaltung ab.

Der digitale Euro soll 2027 praktisch getestet werden

Das Projekt ist inzwischen über reine Konzeptarbeit hinaus.

Die Europäische Zentralbank hat 36 Banken und Payment Service Provider für einen Pilotversuch ausgewählt. Der Test soll in der zweiten Hälfte 2027 beginnen und zwölf Monate dauern.

Dabei sollen reale Anwendungssituationen simuliert werden. Dazu gehören Zahlungen zwischen Personen, Zahlungen im stationären Handel und ausdrücklich auch E-Commerce- und Mobile-Payment-Szenarien.

Händler sollen im Rahmen des Piloten Beta-Zahlungen mit dem digitalen Euro annehmen können. Auch Zahlungsdienstleister werden getestet, die den digitalen Euro technisch an Händler anbinden.

Damit dürfte erstmals genauer sichtbar werden, was die Einführung tatsächlich für Checkout, Kassensysteme und Payment-Infrastruktur bedeutet.

2029 bleibt ein mögliches Startdatum

Sofern die erforderliche EU-Gesetzgebung rechtzeitig abgeschlossen wird, will das Eurosystem technisch für eine mögliche erste Ausgabe des digitalen Euros im Jahr 2029 bereit sein.

Das bedeutet nicht, dass die Einführung bereits endgültig beschlossen ist.

Über zentrale rechtliche Fragen entscheiden Europäisches Parlament und Rat. Erst danach kann die EZB endgültig über die Ausgabe entscheiden.

Der digitale Euro wäre zudem kein Ersatz für Bargeld. Er soll Bargeld ergänzen und Zahlungen sowohl online als auch offline ermöglichen.

Die politische Begründung geht inzwischen weit über den Komfort einer zusätzlichen Wallet hinaus. Der digitale Euro soll eine europaweit nutzbare Zahlungsinfrastruktur unter europäischer Governance schaffen und damit die digitale Abhängigkeit von internationalen Kartensystemen und außereuropäischen Plattformen reduzieren.

Warum braucht Europa Wero und zusätzlich einen digitalen Euro?

Naheliegend ist die Frage, warum Europa zwei Projekte parallel benötigt.

Wero ist deutlich näher am Markt. Banken können es bereits anbieten, Händler können es integrieren und Kunden können damit bezahlen. Das System muss sich allerdings im Wettbewerb mit PayPal, Karten, Apple Pay, Google Pay und anderen Zahlarten durchsetzen.

Niemand kann einen Kunden zwingen, Wero zu nutzen, und kein Händler muss Wero anbieten.

Der digitale Euro verfolgt einen anderen Ansatz. Als digitales Zentralbankgeld könnte er – abhängig von der endgültigen Gesetzgebung – eine europaweit einheitliche Akzeptanz erreichen.

Damit könnte er ein Problem lösen, an dem europäische private Zahlungsangebote bislang häufig scheiterten: fehlende Reichweite.

Ausgerechnet darin liegt aber auch der politische Konflikt. Was aus Sicht der EZB eine Lösung des Netzwerkeffekts ist, kann aus Sicht eines Händlers wie eine zusätzliche regulatorische Verpflichtung wirken.

Wero könnte schneller zeigen, ob europäisches Payment funktioniert

Für die Debatte über digitale Abhängigkeit ist Wero deshalb kurzfristig möglicherweise der interessantere Test.

Bei Wero entscheiden Verbraucher und Händler unmittelbar, ob eine europäische Alternative attraktiv genug ist, um sich gegen bestehende Lösungen durchzusetzen.

Lidl.de bietet dafür inzwischen ein anschauliches Beispiel. Kunden sehen Wero neben bekannten Zahlarten im Checkout. Entscheidend wird nicht sein, ob Wero politisch erwünscht ist, sondern ob Verbraucher tatsächlich darauf klicken.

Genau darin liegt der Unterschied zum digitalen Euro.

Wero muss sich seine Akzeptanz verdienen. Der digitale Euro könnte einen Teil der Akzeptanz gesetzlich erhalten.

Für Händler dürfte deshalb besonders interessant werden, ob Wero niedrigere Kosten, weniger Abbrüche, schnellere Zahlungen oder andere operative Vorteile bringt. Nur dann wird aus europäischer Souveränität ein wirtschaftliches Argument.

Der digitale Euro muss seinen Nutzen noch erklären

Die ZEW-Zahlen sind deshalb ein Warnsignal.

Wenn 77 Prozent der Unternehmen keinerlei Auswirkungen erwarten und nur 0,7 Prozent eindeutig positive Effekte sehen, hat die EZB den wirtschaftlichen Nutzen ihres Projekts zumindest bei Unternehmen bislang nicht überzeugend vermittelt.

Aus Sicht der Zentralbank gibt es durchaus Argumente: geringere Abhängigkeit von internationalen Kartensystemen, europaweite Akzeptanz, Instant Payments, mögliche Offline-Zahlungen und eine Infrastruktur unter europäischer Kontrolle.

Für Unternehmen sind diese Vorteile jedoch offenbar zu abstrakt.

Ein Händler denkt weniger in geopolitischen Zahlungssystemen als in Transaktionskosten, Conversion, Betrugsquote, Chargebacks, Integration und Kundenwünschen.

Will Europa die digitale Abhängigkeit im Payment reduzieren, muss deshalb beides zusammenkommen: strategische Autonomie und ein wirtschaftlich nachvollziehbares Produkt.

Ein europäischer Anbieter allein löst das Problem nicht

Für Unternehmen ist deshalb entscheidend, die digitale Abhängigkeit nicht nur auf Ebene des Firmennamens zu prüfen.

Ein Vertrag mit einem deutschen Cloud-Anbieter kann weiterhin US-Software enthalten. Eine europäische Software kann auf einem US-Hyperscaler laufen. Ein europäischer Payment Service Provider kann Visa und Mastercard verarbeiten. Und ein deutscher Händler kann zwar seine Server in Frankfurt betreiben, zugleich aber bei Cloud, Office, KI, Checkout, Wallet und Payment von mehreren US-Unternehmen abhängen.

Sinnvoller ist eine Betrachtung des gesamten Technologie-Stacks: Wo werden Daten gespeichert? Wer kontrolliert die Infrastruktur? Welches Recht greift? Welche Komponenten sind austauschbar? Gibt es offene Schnittstellen und exportierbare Daten? Welche Prozesse würden bei einem Ausfall tatsächlich stillstehen?

Für Händler gehören dazu neben ERP, Shopsoftware und Cloud insbesondere Checkout, Payment Service Provider, Kartennetzwerke, Wallets, Marktplätze und Logistik-Schnittstellen.

Ein vermeintlich kleines technisches Detail kann im Ernstfall darüber entscheiden, ob Bestellungen noch angenommen und Zahlungen verarbeitet werden können.

Europas Problem ist nicht nur mangelnde Nachfrage

Die EU-Kommission beziffert den Marktanteil von drei Nicht-EU-Hyperscalern am europäischen Cloud-Markt auf mehr als 70 Prozent. Der Anteil europäischer Cloud-Anbieter ist in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen.

Mit neuen Cloud- und KI-Initiativen soll deshalb die europäische Rechenkapazität ausgebaut werden. Gleichzeitig versucht Europa mit Open Source, eigenen Cloud-Plattformen, KI-Modellen und Zahlungssystemen zusätzliche technologische Optionen aufzubauen.

Im Payment-Markt wird diese Strategie inzwischen besonders greifbar. Wero ist verfügbar, der digitale Euro wird vorbereitet, girocard bleibt im deutschen Markt relevant und europäische Payment-Anbieter wie Adyen, Worldline, Nexi, Mollie, Unzer, Payone und Computop bieten Alternativen auf Ebene der Zahlungsabwicklung.

Das ist mehr als noch vor einigen Jahren. Es ist aber noch kein Beweis für digitale Souveränität.

Die ifo-Daten zeigen gleichzeitig die andere Seite. Unternehmen können nicht jahrelang über digitale Abhängigkeit klagen und jede Migration aufschieben, bis eine europäische Kopie des US-Angebots mit identischem Funktionsumfang und niedrigerem Preis bereitsteht.

Vollständige technologische Autarkie dürfte für die meisten Firmen weder realistisch noch wirtschaftlich sinnvoll sein. Ein belastbarer Plan B dagegen schon.

Bei Cloud kann das ein zweiter Anbieter sein. Bei Software können offene Standards und exportierbare Daten helfen. Bei KI kann eine Kombination aus mehreren Modellen Risiken reduzieren. Und beim Payment können Händler bewusst prüfen, ob neben PayPal, Visa und Mastercard auch europäische Zahlungswege wie Wero sinnvoll sind.

Der digitale Euro stellt diese freiwillige Logik allerdings auf den Kopf. Sollte die geplante Annahmepflicht kommen, wird aus europäischer Souveränität für viele Händler irgendwann eine konkrete technische Aufgabe.

Dass bislang nur 0,7 Prozent der Unternehmen darin eindeutig positive Auswirkungen erkennen, zeigt daher vor allem eines: Europa baut gerade Alternativen zur digitalen Abhängigkeit auf – muss Unternehmen aber noch davon überzeugen, dass diese Alternativen nicht nur politisch erwünscht, sondern auch wirtschaftlich nützlich sind.

Faktenbox

Digitale Abhängigkeit und europäische Alternativen
ifo-Befragung5.575 Unternehmen, Juli 2026
Nutzung von US-Technologie88,3 Prozent der Unternehmen
Große Abhängigkeit31 Prozent
Keine Gegenmaßnahmen trotz Risiko41,7 Prozent der risikobewussten Unternehmen
Deutsche Cloud-OptionenIONOS, STACKIT sowie Cloud-Angebote der Deutschen Telekom
Weitere europäische Cloud-OptionOVHcloud aus Frankreich
Office und KollaborationNextcloud und openDesk
KI-AlternativenMistral AI, IONOS AI Model Hub und europäisch gehostete Open-Source-Modelle
Europäische Payment-AnbieterAdyen, Mollie, Worldline und Nexi
Deutsche Payment-AnbieterUnzer, Payone und Computop
WeroPrivatwirtschaftliche europäische Konto-zu-Konto-Zahlung der European Payments Initiative
Wero bei LidlSeit 24. Juli 2026 als Zahlart im deutschen Lidl-Onlineshop verfügbar
Wero-MärkteDeutschland, Frankreich und Belgien; Ausbau auf weitere europäische Märkte
Digitaler EuroGeplantes digitales Zentralbankgeld des Eurosystems; mögliche erste Ausgabe 2029
ZEW-BefragungRund 800 Unternehmen aus Verarbeitendem Gewerbe und Informationswirtschaft
Keine erwarteten Auswirkungen77 Prozent der Unternehmen beim digitalen Euro
Negative ErwartungenRund 17 Prozent erwarten negative oder eher negative Auswirkungen
Eher positive Erwartungen6 Prozent
Positive ErwartungenNur 0,7 Prozent
Bekanntheit des digitalen EurosFast 60 Prozent der Unternehmen kennen die Pläne der EZB
Erwartete Anpassungen32 Prozent rechnen mit Anpassungsbedarf; 2024 waren es noch 40 Prozent
Digital-Euro-PilotStart in der zweiten Jahreshälfte 2027 für zwölf Monate mit 36 ausgewählten Payment Service Providern
Mögliche HändlerpflichtNach derzeit vorgesehener Ausgestaltung sollen Händler, die digitale Zahlungen akzeptieren, grundsätzlich auch den digitalen Euro annehmen; finale Gesetzgebung steht noch aus