EU startet 30-Milliarden-Plan für KI-Gigafactories

Die Europäische Union hat die Ausschreibung für bis zu sieben KI-Gigafactories gestartet. Mit bis zu zehn Milliarden Euro aus EU- und nationalen Mitteln sollen mindestens 20 Milliarden Euro privates Kapital angestoßen werden. Die Rechenzentren sollen Europas Abhängigkeit von außereuropäischen Cloud- und Chipanbietern verringern. Ganz ohne diese Anbieter kommt das Vorhaben allerdings vorerst nicht aus.

📌 Auf einen Blick

Die EU will bis zu sieben KI-Gigafactories fördern und dafür gemeinsam mit den Mitgliedstaaten bis zu 10 Milliarden Euro bereitstellen. Mindestens 20 Milliarden Euro sollen von privaten Investoren kommen; Bewerbungen sind bis zum 12. November 2026 möglich.

KI-Gigafactories: EU startet 30-Milliarden-Plan
KI-Gigafactories: EU startet 30-Milliarden-Plan

KI-Gigafactories sollen Europas Rechenlücke verkleinern

Hinter dem industriell klingenden Begriff stehen keine Chipfabriken, sondern große, auf künstliche Intelligenz ausgelegte Rechenzentren. Sie sollen aktuelle KI-Prozessoren, Speicher, Cloud-Technik, schnelle Netzwerke und Softwareplattformen an einem Standort oder in einem verteilten Verbund zusammenführen. Nach den Plänen der EU sollen einzelne Anlagen auf mehr als 100.000 spezialisierte KI-Prozessoren kommen.

Die Infrastruktur soll für das Training, die Anpassung und den laufenden Betrieb komplexer KI-Modelle genutzt werden. Zugang erhalten sollen nicht nur Forschungseinrichtungen und Behörden, sondern auch Start-ups, mittelständische Unternehmen und Industrieunternehmen. Damit ergänzt das Programm das europäische Netz aus 19 sogenannten AI Factories, die Rechenleistung und Unterstützungsangebote bereitstellen sollen.

Die Größenordnung zeigt, worum es der EU geht: Europa verfügt über Forschung, Unternehmen und Daten, hat bei der verfügbaren KI-Rechenleistung aber Rückstand gegenüber den USA und Teilen Asiens. Modelle lassen sich nicht allein mit Regulierung entwickeln. Sie benötigen Prozessoren, Strom, Kühlung, Netzanbindung und Kapital – also genau jene Infrastruktur, bei der Europa lange auf ausländische Plattformen gesetzt hat.

Mehr als 30 Milliarden Euro, aber nicht aus einer Kasse

Die öffentliche Förderung von bis zu zehn Milliarden Euro kommt nicht allein aus Brüssel. Sie soll gemeinsam von der EU und den beteiligten Mitgliedstaaten getragen werden. Dieses Geld dient zugleich als Anschub und als abgesicherte Nachfrage: Öffentliche Stellen erwerben Rechenkapazitäten und senken damit das wirtschaftliche Risiko der Betreiber.

Zusätzlich erwartet die Kommission mindestens 20 Milliarden Euro von privaten Investoren. Das Gesamtvolumen der KI-Gigafactories könnte damit mehr als 30 Milliarden Euro erreichen. Die Zahl klingt verbindlicher, als sie derzeit ist. Ein erheblicher Teil der öffentlichen Finanzierung soll erst aus dem nächsten mehrjährigen EU-Finanzrahmen für 2028 bis 2035 kommen. Umfang und Ausbau der Projekte hängen damit auch von späteren Haushaltsentscheidungen ab.

Bewerben können sich Konsortien oder eigens gegründete Projektgesellschaften aus Technologieanbietern, Cloud-Unternehmen, Investoren und öffentlichen Partnern. Die Anlagen dürfen auf einen Standort konzentriert oder grenzüberschreitend auf mehrere Standorte verteilt werden. Die EU erwartet Projekte in mindestens sieben Mitgliedstaaten.

76 Interessenten erhöhen den Wettbewerb um Standorte

Das Interesse ist bereits größer als die Zahl der möglichen Zuschläge. In einer vorgeschalteten Konsultation gingen 76 Interessenbekundungen aus 16 Mitgliedstaaten ein. Sie bezogen sich auf 60 mögliche Standorte. Die formelle Ausschreibung läuft nun bis zum 12. November 2026. Die Auswahl soll Anfang 2027 erfolgen, der Betrieb anschließend innerhalb von rund 18 Monaten beginnen.

Auch aus Deutschland gibt es mehrere Ambitionen. Zu den bekannten Interessenten gehören die Deutsche Telekom, Schwarz Digits sowie IONOS gemeinsam mit Hochtief. Ob daraus endgültige Bewerbungen in unveränderter Zusammensetzung werden und welcher Standort einen Zuschlag erhalten könnte, entscheidet sich erst im laufenden Verfahren. Die Konkurrenz findet dabei nicht nur zwischen Staaten statt, sondern auch innerhalb einzelner Länder.

Für die Standortwahl zählen nicht nur Fläche und politische Unterstützung. Rechenzentren dieser Größenordnung benötigen langfristig verfügbare Energie, leistungsfähige Netze, Kühlkonzepte, gesicherte Lieferketten und ausreichend Fachkräfte. Wer lediglich ein Grundstück und Förderwünsche vorlegt, dürfte kaum überzeugen.

Europäische Souveränität bleibt bei Chips relativ

Die EU verbindet das Programm ausdrücklich mit technologischer Souveränität. Daten, Modelle und Rechenleistung sollen stärker unter europäischen Regeln und innerhalb europäischer Infrastruktur verarbeitet werden. Vorgesehen sind Anforderungen an Datenschutz, Sicherheit, Lieferketten und Energieeffizienz.

Der Anspruch hat jedoch eine sichtbare Grenze. AMD, Nvidia und Qualcomm haben Absichtserklärungen abgegeben, um Bewerber mit Prozessoren zu beliefern. Damit kann Europa zwar eigene Rechenzentren bauen, bleibt bei einer zentralen technischen Komponente zunächst von US-Konzernen abhängig. Souveränität bedeutet in diesem Fall also eher Kontrolle über Standort, Betrieb und Daten – nicht vollständige Unabhängigkeit von ausländischer Hardware.

Auch der Energiebedarf wird zum Prüfstein. Die EU verlangt energieeffiziente Anlagen, doch Effizienz ersetzt keinen Stromanschluss. Wo Netze ausgelastet sind oder Genehmigungen Jahre dauern, kann der politische Zeitplan schnell auf die physische Infrastruktur treffen.

Was Unternehmen von den KI-Gigafactories haben könnten

Für Unternehmen liegt der mögliche Nutzen in einem leichteren Zugang zu europäischer Rechenleistung. Im Handel und E-Commerce kommen Anwendungen wie Produktsuche, Nachfrageprognosen, Betrugserkennung, automatisierte Produktdaten, Kundenservice und Logistikoptimierung infrage. Besonders für kleinere Anbieter wäre es relevant, Rechenkapazität nicht ausschließlich bei den großen US-Cloudplattformen einkaufen zu müssen.

Noch offen sind jedoch Preise, Zugangsregeln und die Verteilung knapper Kapazitäten. Erst wenn Unternehmen ohne aufwendige Antragsverfahren und zu marktgerechten Konditionen zugreifen können, entsteht ein praktischer Vorteil. Ein Rechenzentrum allein schafft noch kein wettbewerbsfähiges KI-Ökosystem. Dafür braucht es Software, Datenzugang, Fachkräfte und Kunden, die aus der Rechenleistung tragfähige Anwendungen machen.

Faktenbox

EU-Initiative für europäische KI-Infrastruktur
Geplante AnlagenBis zu sieben Standorte oder grenzüberschreitende Verbünde
Öffentliche MittelBis zu 10 Milliarden Euro von EU und Mitgliedstaaten
Privates KapitalMindestens 20 Milliarden Euro erwartet
Technische GrößenordnungMehr als 100.000 spezialisierte KI-Prozessoren je großer Anlage vorgesehen
Bewerbungsschluss12. November 2026
AuswahlVoraussichtlich Anfang 2027
BetriebsbeginnInnerhalb von rund 18 Monaten nach Auswahl beziehungsweise Vertragsabschluss
Vorheriges Interesse76 Interessenbekundungen aus 16 Mitgliedstaaten für 60 Standorte
ZielgruppenStart-ups, Mittelstand, Industrie, Forschung und öffentliche Stellen