Kartonset-Optimierung: IGEPA bietet Fraunhofer-Software CASTN an

Das Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik IML und die IGEPA group bündeln ihre Aktivitäten bei der Kartonset-Optimierung. IGEPA nimmt die Software CASTN als Service in sein Angebot auf und soll Unternehmen von der Datenanalyse bis zur Auswahl und Lieferung geeigneter Versandkartons begleiten. Für Onlinehändler geht es dabei nicht nur um weniger Verpackungsmaterial, sondern zunehmend auch um die Vorbereitung auf strengere EU-Vorgaben.

📌 Auf einen Blick

IGEPA bietet die vom Fraunhofer IML entwickelte Software CASTN nach Angaben der Partner als erster Drittanbieter in Deutschland und Europa an. Die Lösung berechnet ein geeignetes Set aus Standardkartons, soll Leerraum, Füllmaterial und Versandkosten reduzieren und Unternehmen auf die PPWR-Grenze von grundsätzlich maximal 50 Prozent Leerraum vorbereiten.

Kartonset-Optimierung: IGEPA bietet Fraunhofer-Software CASTN an
Kartonset-Optimierung: IGEPA bietet Fraunhofer-Software CASTN an

Kartonset-Optimierung statt Kartonauswahl nach Gefühl

Viele Versandlager arbeiten mit historisch gewachsenen Kartonsortimenten. Neue Größen kommen hinzu, alte bleiben im Bestand und die tatsächliche Auslastung wird nur selten systematisch überprüft. Das Ergebnis sind zu große Kartons, mehr Füllmaterial, höhere Lagerbestände und unnötig belegter Frachtraum. Was im Einzelfall wie ein kleiner Unterschied wirkt, kann sich bei mehreren Tausend Sendungen zu einem relevanten Kostenfaktor summieren.

CASTN steht für „Carton Set Optimization“. Die Software analysiert Auftrags- und Artikeldaten und ermittelt, mit welchen Standardkartongrößen sich ein möglichst großer Teil des Versandvolumens abdecken lässt. Ziel ist nicht, für jeden Auftrag eine eigene Verpackung zu schaffen. Vielmehr soll ein begrenztes, praktisch nutzbares Kartonset entstehen, das eine hohe Volumenauslastung ermöglicht und zugleich in bestehende Lager- und Versandprozesse passt.

Damit adressiert CASTN einen Zielkonflikt, den viele Händler kennen: Zu wenige Kartongrößen vereinfachen Einkauf und Lagerhaltung, erhöhen aber häufig den Leerraum. Zu viele Varianten verbessern möglicherweise die Passgenauigkeit, machen Prozesse, Bestände und Verpackungsstationen jedoch komplexer. Die Kartonset-Optimierung soll zwischen beiden Extremen einen belastbaren Mittelweg berechnen.

IGEPA verbindet Analyse mit Verpackungslieferung

Das Fraunhofer IML hat CASTN nach eigenen Angaben über vier Jahre entwickelt. Nach dem Produktstart im Februar 2026 übernimmt IGEPA nun die Rolle des Vertriebspartners und Dienstleisters. Die Fachgroßhandelsgruppe will Kunden vom ersten Analysegespräch über die Auswertung bis zur Lieferung der ausgewählten Verpackungen begleiten.

Für Fraunhofer IML schafft die Kooperation einen direkten Zugang zu Handels-, Industrie- und Logistikunternehmen. Für IGEPA erweitert die Software das klassische Geschäft mit Verpackungsmaterial um eine datenbasierte Beratungsleistung. Die Partnerschaft folgt damit einem bekannten Muster im B2B-Handel: Nicht mehr allein das Produkt soll verkauft werden, sondern die Analyse, welche Produkte der Kunde tatsächlich benötigt.

Das kann sinnvoll sein, birgt aber auch einen Interessenkonflikt. Wer Verpackungen analysiert und zugleich liefert, sollte Annahmen, Berechnungsmethoden und Alternativen transparent darstellen. Händler sollten sich deshalb nicht nur das vorgeschlagene Kartonset zeigen lassen, sondern auch die zugrunde liegenden Mengen, Auslastungswerte und Kostenszenarien prüfen.

Welche Daten für die Kartonset-Optimierung nötig sind

Die Qualität der Berechnung hängt von den Eingangsdaten ab. Relevant sind insbesondere Artikelabmessungen, Gewichte, Bestellkombinationen, Versandmengen und Anforderungen an den Produktschutz. Auch Sonderfälle wie zerbrechliche Waren, Flüssigkeiten, Gefahrgut oder Artikel mit unregelmäßigen Formen müssen berücksichtigt werden.

Fehlerhafte Stammdaten führen zwangsläufig zu fragwürdigen Ergebnissen. Sind Maße unvollständig, werden Produkte im Versand anders angeordnet als im Datensatz angenommen oder fehlen saisonale Auftragsspitzen, kann ein rechnerisch gutes Kartonset im Lager an der Praxis scheitern. Vor einer Optimierung steht daher häufig weniger künstliche Intelligenz als solide Datenarbeit.

Unternehmen sollten außerdem prüfen, ob das vorgeschlagene Set mit vorhandenen Kartonaufrichtern, Verschließmaschinen, Förderanlagen und Packtischen kompatibel ist. Ein kleinerer Karton spart wenig, wenn dafür Maschinen umgebaut, zusätzliche Lagerplätze geschaffen oder Verpackungsabläufe verlangsamt werden müssen.

PPWR macht Leerraum zur regulatorischen Kennzahl

Zusätzlichen Druck erzeugt die europäische Verpackungsverordnung PPWR. Für Gruppen-, Transport- und E-Commerce-Verpackungen ist grundsätzlich eine maximale Leerraumquote von 50 Prozent vorgesehen. Als Leerraum gilt dabei auch Platz, der mit Materialien wie Papier, Luftpolstern, Schaumstoff oder Holzwolle gefüllt wird. Ein großer Karton wird regulatorisch also nicht dadurch passender, dass der freie Raum mit Füllmaterial kaschiert wird.

Die Frist wird häufig verkürzt mit „ab 2030“ beschrieben. Rechtlich ist sie differenzierter: Die Grenze greift bis zum 1. Januar 2030 oder drei Jahre nach Inkrafttreten der noch festzulegenden Berechnungsmethode – je nachdem, welcher Zeitpunkt später liegt. Die EU-Kommission soll diese Methodik bis zum 12. Februar 2028 festlegen. Für bestimmte Verpackungen und Produkte sind Besonderheiten zu berücksichtigen.

CASTN kann Unternehmen auf diese Anforderungen vorbereiten, ersetzt aber keine rechtliche Prüfung. Eine mathematisch optimierte Kartonauswahl ist nicht automatisch PPWR-konform. Entscheidend sind die spätere EU-Methodik, die tatsächliche Befüllung im Betrieb und die Dokumentation der Prozesse.

KI-Bezeichnung bleibt erklärungsbedürftig

Fraunhofer IML und IGEPA bezeichnen CASTN als KI-gestützte Software. Die veröffentlichte Mitteilung erklärt jedoch nicht näher, welche Verfahren eingesetzt werden, wie die Ergebnisse validiert werden oder wodurch sich der KI-Anteil von klassischer mathematischer Optimierung unterscheidet. Für Anwender ist diese Abgrenzung weniger eine akademische Frage als ein Transparenzthema.

Entscheidend ist, ob die Lösung nachvollziehbare Ergebnisse liefert: Welche Kartongrößen werden empfohlen, wie verändert sich die durchschnittliche Auslastung, wie viele Sendungen benötigen Sonderverpackungen und welche Einsparungen bleiben nach Umstellungskosten übrig? Ein KI-Etikett allein macht noch keinen wirtschaftlichen Nutzen.

Vor einer Beauftragung sollten Händler daher einen klar abgegrenzten Testlauf verlangen. Sinnvoll sind ein repräsentativer Datenzeitraum, dokumentierte Ausgangswerte und mehrere Szenarien. Dazu gehören nicht nur Materialkosten, sondern auch Lagerfläche, Packgeschwindigkeit, Frachtvolumen, Beschädigungsquote und Investitionen in Technik.

Verpackungsstrategie wird Teil der Investitionsplanung

Die Kooperation richtet sich nicht nur an Onlinehändler und Logistikdienstleister. Auch Anbieter von Fördertechnik, Lagertechnik und Verpackungsmaschinen können die Ergebnisse nutzen, um Anlagen auf ein definiertes Kartonset auszulegen. Das ist vor allem bei Neubauten oder größeren Automatisierungsprojekten relevant, weil spätere Änderungen an Kartonformaten technische Anpassungen auslösen können.

Die Kartonset-Optimierung verschiebt die Verpackungsfrage damit vom Einkauf in die Prozess- und Investitionsplanung. Statt Kartongrößen nach Preislisten oder Gewohnheit auszuwählen, sollen reale Auftragsdaten die Grundlage bilden. Das ist weniger spektakulär als manche KI-Erzählung, dürfte für viele Versandbetriebe aber der praktischere Ansatz sein.

Ob CASTN die erwarteten Einsparungen erreicht, lässt sich nur anhand konkreter Kundendaten beurteilen. Fraunhofer IML und IGEPA nennen bislang keine allgemein vergleichbaren Kennzahlen zu Kostenreduktion, Materialeinsparung oder Amortisationszeiten. Für interessierte Unternehmen bleibt deshalb entscheidend, Ergebnisse nicht als Versprechen, sondern als überprüfbare Business-Case-Rechnung zu behandeln.

Faktenbox

CASTN und die Kooperation von Fraunhofer IML und IGEPA
PartnerFraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik IML und IGEPA group
SoftwareCASTN – Carton Set Optimization
AufgabeBerechnung eines geeigneten Sets aus Standardkartons auf Basis realer Artikel- und Auftragsdaten
ZieleWeniger Leerraum, geringerer Materialeinsatz, weniger Füllmaterial und besser planbare Versandprozesse
MarktstartProdukt-Launch im Februar 2026
Rolle von IGEPAAnalyse- und Beratungsservice sowie Lieferung der ausgewählten Verpackungen
ZielgruppenOnlinehändler, Logistikdienstleister, Industrieunternehmen sowie Anbieter von Lager-, Förder- und Verpackungstechnik
PPWR-GrenzeGrundsätzlich höchstens 50 Prozent Leerraum bei Gruppen-, Transport- und E-Commerce-Verpackungen
Frist1. Januar 2030 oder drei Jahre nach Inkrafttreten der EU-Berechnungsmethode, maßgeblich ist der spätere Zeitpunkt
Wichtige VoraussetzungVollständige Artikelmaße, belastbare Auftragsdaten und Abgleich mit bestehenden Verpackungs- und Förderprozessen
Kritischer PunktBislang fehlen öffentlich vergleichbare Kennzahlen zu Einsparungen, Umstellungskosten und Amortisationszeiten