Wirtschaftsimpulse durch Migration: Neue Daten zu Unternehmensgründungen von Geflüchteten

Eine aktuelle Untersuchung des ifo Instituts liefert neue Erkenntnisse über die wirtschaftlichen Auswirkungen von Migration auf regionaler Ebene. Die Studie zeigt, dass der Zuzug von Schutzsuchenden die Anzahl der Gewerbeanmeldungen und die Schaffung von Arbeitsplätzen signifikant erhöht. Entgegen der häufigen Annahme in der öffentlichen Diskussion, dass dieser Effekt primär auf direkte Unternehmensgründungen von Geflüchteten zurückzuführen ist, belegt die Analyse eine andere Dynamik. Die neu entstehenden Firmen werden überwiegend von der ansässigen deutschen Bevölkerung gegründet, die auf die veränderte Nachfragesituation reagiert. Die Forschungsergebnisse basieren auf umfangreichen Daten der Gewerbeanzeigenstatistik und verdeutlichen, wie sich demografische Veränderungen durch Fluchtmigration konkret auf das unternehmerische Geschehen und den Arbeitsmarkt in deutschen Landkreisen auswirken.

Studie: Zuzug und Unternehmensgründungen von Geflüchteten
Studie: Zuzug und Unternehmensgründungen von Geflüchteten

Messbarer Anstieg der gewerblichen Aktivitäten

Die Wissenschaftler des ifo Instituts haben den Zusammenhang zwischen Zuwanderung und wirtschaftlicher Aktivität quantifiziert. Den Daten zufolge führt ein Zuzug von 100 Geflüchteten pro 10.000 Einwohner zu durchschnittlich sieben zusätzlichen Gewerbeanmeldungen. Dies entspricht einem beachtlichen Anstieg von 7,9 Prozent im Vergleich zum Durchschnittswert in einem gewöhnlichen Landkreis. Dieser Zuwachs an unternehmerischer Tätigkeit ist statistisch signifikant und zeigt eine hohe Reagibilität der lokalen Wirtschaft.

Während oft über Unternehmensgründungen von Geflüchteten spekuliert wird, zeigt die Detailanalyse, dass der Impuls vor allem nachfrageseitig wirkt. Der Bevölkerungszuwachs generiert einen unmittelbaren Bedarf an Dienstleistungen und Produkten. Dieser Bedarf wird von lokalen Akteuren erkannt und durch neue Geschäftsmodelle gedeckt. Die Studie unterscheidet hierbei klar zwischen dem Auslöser (Zuzug) und den Akteuren (Gründer), wobei letztere mehrheitlich deutsche Staatsbürger sind.

Branchenfokus und die Rolle der Gründer

Ein zentrales Ergebnis der Studie ist die spezifische Branchenverteilung der neuen Unternehmen. Die Gründungen konzentrieren sich stark auf die Bereiche Verkehr, Gesundheit, das verarbeitende Gewerbe sowie Finanzdienstleistungen. Diese Sektoren korrespondieren direkt mit den Bedürfnissen, die durch den Zuzug entstehen. Im Gesundheitswesen steigt die Nachfrage nach medizinischer Versorgung, im Finanzsektor werden Dienstleistungen für Transfers und Kontoführung benötigt, und der Verkehrssektor muss höhere Mobilitätsanforderungen bewältigen.

Der ifo-Forscher Sebastian Schirner betont, dass dieser Bedarf vielerorts neue Geschäftsmodelle erforderlich macht. Interessant ist hierbei die Abgrenzung zum Thema Unternehmensgründungen von Geflüchteten. Die neuen Firmen werden nicht primär von den Neuankömmlingen selbst initiiert, sondern von etablierten oder neuen deutschen Marktteilnehmern. Ein möglicher Treiber für diese Nachfrage sind steuerfinanzierte Transfers, welche die Kaufkraft der Geflüchteten stützen und somit indirekt in die lokale Wirtschaft fließen. Der genaue Umfang dieses Effekts wurde in der Studie jedoch nicht gesondert ausgewiesen.

Positive Effekte auf den Arbeitsmarkt

Neben der Zahl der Firmen steigt auch das Angebot an Arbeitsplätzen deutlich an. Der Zuzug von 100 Geflüchteten auf 10.000 Einwohner resultiert in der Entstehung von insgesamt 109 zusätzlichen Arbeitsplätzen. Diese Zahl setzt sich aus zwei Komponenten zusammen: Den Stellen in den neu gegründeten Gewerben und den Stellen in bereits bestehenden Unternehmen.

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Die neu angemeldeten Gewerbe schaffen dabei im Schnitt 27 neue Arbeitsplätze. Der weitaus größere Teil der Beschäftigungseffekte, nämlich rund drei Viertel, entfällt auf die Expansion bestehender Firmen. Dies deutet darauf hin, dass etablierte Unternehmen ihre Kapazitäten ausweiten, um die gestiegene Nachfrage zu bedienen. Ein qualitativ wichtiges Merkmal ist, dass es sich bei diesen Stellen vorwiegend um Vollzeitbeschäftigungsverhältnisse handelt. Auch wenn die direkten Unternehmensgründungen von Geflüchteten in dieser Phase der Analyse eine untergeordnete Rolle spielen, ist der Gesamteffekt auf die Beschäftigungssituation im Landkreis positiv.

Methodik und Kausalität der Studie

Um verlässliche Aussagen treffen zu können, nutzten die Forscher einen methodisch robusten Ansatz. Die Datengrundlage bildete eine Sonderauswertung der Gewerbeanzeigenstatistik auf Kreisebene für die Jahre 2007 bis 2021, kombiniert mit Daten des Ausländerzentralregisters. Um sicherzustellen, dass die Effekte tatsächlich auf den Zuzug und nicht auf andere wirtschaftliche Faktoren zurückzuführen sind, wurden die offiziellen Zuteilungsquoten (Königsteiner Schlüssel) herangezogen.

Da Geflüchtete ihren Wohnort oft nicht frei wählen können, sondern zugewiesen werden, dient diese Verteilung als natürliches Experiment. Dies ermöglicht es den Forschern, kausale Effekte zu isolieren. Wäre die Wohnortwahl frei, würden viele Menschen in wirtschaftlich starke Regionen ziehen, was die Statistik verzerren würde. So aber kann der Anstieg der Gewerbeanmeldungen ursächlich auf den Zuzug zurückgeführt werden, unabhängig davon, ob es sich um Unternehmensgründungen von Geflüchteten oder Einheimischen handelt.

Angebot an Arbeitskräften als Standortfaktor

Abschließend weist die Studie auf einen weiteren wichtigen Aspekt hin, der über die reine Nachfrageseite hinausgeht. Mittelfristig erhöht der Zuzug das Angebot an verfügbaren Arbeitskräften in einer Region. In Zeiten des Fachkräftemangels ist dies ein relevanter Standortfaktor für potenzielle Gewerbetreibende. Die Verfügbarkeit von Personal macht Investitionen und Gründungen attraktiver. Während der Fokus der aktuellen Erhebung auf den durch Nachfrage ausgelösten Gründungen lag, bietet das wachsende Arbeitskräfteangebot langfristig auch Potenzial für Unternehmensgründungen von Geflüchteten selbst oder deren Integration in bestehende Strukturen als Arbeitnehmer, was die regionale Wirtschaftskraft nachhaltig stärken kann.

Faktenbox

Unternehmensgründungen von Geflüchteten
Quelle der Datenifo Institut / Gewerbeanzeigenstatistik (2007–2021)
SzenarioZuzug von 100 Geflüchteten je 10.000 Einwohner
Zuwachs Gewerbeanmeldungen+7 Anmeldungen (+7,9 % über Durchschnitt)
Neue Arbeitsplätze (Gesamt)109 zusätzliche Stellen
Verteilung der neuen Jobs25 % in neuen Firmen, 75 % in Bestandsfirmen
Hauptakteure der GründungenDeutsche Staatsbürger (Reaktion auf Nachfrage)
Branchen-SchwerpunkteGesundheit, Verkehr, Finanzen, verarbeitendes Gewerbe