Shein zieht sich aus Vietnam zurück – Lieferanten kehren nach China zurück

Die Shein Lieferkette sollte unabhängiger von China werden. Nun fährt der Online-Modehändler seine erst vor gut einem Jahr gestartete Expansion in Vietnam deutlich zurück. Lagerflächen werden reduziert, Personal wird abgebaut und mehrere chinesische Lieferanten sind offenbar wieder nach China zurückgekehrt. Der Vorgang zeigt, wie eng Sheins Geschäftsmodell weiterhin mit seinem Produktionsnetz rund um Guangzhou verbunden ist.

📌 Auf einen Blick

Shein hat seine angemietete Lagerfläche in Vietnam von ursprünglich rund 15 auf sechs Hektar reduziert. Seit April kam es zu umfangreichen Stellenstreichungen. Gleichzeitig will das Unternehmen mehr als 10 Milliarden Yuan in seine Lieferketten-Infrastruktur in Guangdong investieren. Das Beispiel zeigt, wie schwer sich die Shein Lieferkette außerhalb Chinas nachbauen lässt.

Shein Lieferkette: Vietnam-Ausbau wird zurückgefahren
Shein Lieferkette: Vietnam-Ausbau wird zurückgefahren

Shein Lieferkette: Aus 15 Hektar werden sechs

Der Aufbau in Vietnam begann vor dem Hintergrund wachsender Handelskonflikte zwischen China und den USA. Shein mietete nahe Ho-Chi-Minh-Stadt rund 15 Hektar Lagerfläche und ermunterte größere chinesische Lieferanten, ebenfalls Produktionskapazitäten nach Vietnam zu verlagern.

Die Rechnung war nachvollziehbar: Eine breitere Produktionsbasis sollte die Abhängigkeit von China reduzieren und gleichzeitig die Folgen höherer US-Zölle auf chinesische Waren begrenzen.

Inzwischen hat sich das Bild geändert. Nach Angaben mehrerer mit den Abläufen vertrauter Personen umfasst der Mietvertrag nur noch rund sechs Hektar. Tatsächlich könnte sogar nur etwa ein Drittel der ursprünglich geplanten Fläche genutzt werden. Seit April wurden zudem zahlreiche Arbeitsplätze abgebaut. In einzelnen Bereichen soll nur noch ein Bruchteil der bisherigen Belegschaft beschäftigt sein.

Bei einem Besuch des Standorts Ende Juli fand Reuters dort nur wenige Beschäftigte und Lastwagen vor. Shein selbst äußerte sich zu den konkreten Angaben nicht.

Warum Vietnam für Shein an Attraktivität verliert

Ein Grund für den Strategiewechsel liegt in den veränderten Zollbedingungen. Die Verlagerung nach Vietnam war auch als Absicherung gegen eine stärkere Belastung chinesischer Importe in den USA gedacht.

Doch die handelspolitischen Rahmenbedingungen haben sich mehrfach verändert. Die amerikanische De-minimis-Regel, über die niedrigpreisige Direktimporte lange weitgehend zollfrei eingeführt werden konnten, wurde eingeschränkt beziehungsweise abgeschafft. Gleichzeitig veränderte sich der Zollabstand zwischen Produkten aus China und Vietnam.

Damit verlor die Verlagerung einen Teil ihres wirtschaftlichen Vorteils. Vietnam bleibt zwar in bestimmten Fällen zollseitig günstiger als China. Entscheidend ist für Shein jedoch nicht allein der Einfuhrzoll.

Die **Shein Lieferkette** lebt von einer Kombination aus niedrigen Kosten, kleinen Produktionsmengen und extrem kurzen Reaktionszeiten. Genau diese Kombination lässt sich offenbar nicht beliebig an einen anderen Standort verschieben.

Kleine Lose und schnelle Nachproduktion als Wettbewerbsvorteil

Sheins chinesisches Lieferantennetz produziert eine sehr große Zahl unterschiedlicher Artikel zunächst in kleinen Stückzahlen. Entwickelt sich ein Produkt gut, können zusätzliche Mengen innerhalb kurzer Zeit nachbestellt werden. Bleibt die Nachfrage aus, wird die Produktion nicht oder nur begrenzt fortgesetzt.

Für dieses Modell braucht Shein nicht nur günstige Fabriken, sondern ein dichtes Netz aus Herstellern, Zulieferern, Logistikunternehmen und Arbeitskräften, das flexibel auf kurzfristige Aufträge reagieren kann.

In Guangzhou und insbesondere im Stadtbezirk Panyu ist über Jahre eine entsprechende Infrastruktur entstanden. Tausende kleinere Textilunternehmen sitzen räumlich dicht beieinander. Produzenten akzeptieren teilweise geringe Margen, können dafür aber sehr kurzfristig neue Aufträge übernehmen.

Genau darin steckt ein wesentlicher Teil des Vorsprungs der **Shein Lieferkette**. Die App kann Trends erkennen und Nachfrage messen. Ohne Fabriken, die daraus innerhalb weniger Tage Ware machen, bleibt der Algorithmus allerdings nur Software.

Chinesische Lieferanten kehren aus Vietnam zurück

Nach Angaben aus dem Umfeld der Zulieferer sind mehrere Unternehmen, die Shein nach Vietnam gefolgt waren, inzwischen wieder nach China zurückgekehrt. Trotz teilweise niedrigerer Zölle sei die Produktivität in Vietnam nicht ausreichend gewesen, um den Unterschied auszugleichen.

Hinzu kommen Schwierigkeiten bei der Personalbeschaffung. Chinesische Zulieferer berichten, dass es in Vietnam schwieriger sei, ausreichend Arbeitskräfte für die von Sheins Modell geforderten Arbeitszeiten und niedrigen Produktionskosten zu finden.

Das ist für Shein ein grundlegendes Problem. Werden Produktionszeiten länger oder Stückkosten höher, verliert das Geschäftsmodell einen Teil seiner Kalkulation. Die **Shein Lieferkette** basiert gerade darauf, neue Produkte schnell zu testen, Gewinner kurzfristig nachzuproduzieren und gleichzeitig die Warenbestände niedrig zu halten.

Die vermeintlich einfache Lösung, dieselben Fabriken einige tausend Kilometer weiter südlich aufzubauen, stößt damit an praktische Grenzen.

Auch in Brasilien stößt das Modell an Grenzen

Vietnam ist dabei kein Einzelfall. Bereits in Brasilien hatte Shein versucht, ein größeres regionales Produktionsnetz aufzubauen. 2023 kündigte das Unternehmen Investitionen von rund 150 Millionen US-Dollar an und wollte langfristig mit bis zu 2.000 lokalen Herstellern zusammenarbeiten.

Die Umsetzung verlief deutlich schwieriger als geplant. Brasilianische Hersteller berichteten über sehr kurze Lieferfristen und hohen Preisdruck. Mehrere Unternehmen beendeten die Zusammenarbeit, weil sich Sheins Anforderungen unter den lokalen Produktionsbedingungen wirtschaftlich nicht darstellen ließen.

Damit zeigt sich in zwei unterschiedlichen Märkten ein ähnliches Muster. Eine globale **Shein Lieferkette** aufzubauen bedeutet offenbar mehr, als Produktionsaufträge aus China in andere Länder umzuleiten.

Shein investiert gleichzeitig Milliarden in Guangdong

Parallel zum Rückbau in Vietnam stärkt das Unternehmen seine Basis in China. CEO Sky Xu kündigte Anfang 2026 Investitionen von mehr als 10 Milliarden Yuan, umgerechnet rund 1,5 Milliarden US-Dollar, in ein intelligentes Supply-Chain-System in Guangdong an.

Bereits zuvor hatte Shein einen weiteren großen Logistik- und Lieferkettenstandort in der Region Guangzhou geplant.

Die Richtung ist damit bemerkenswert: Während die geografische Diversifizierung langsamer vorankommt als vorgesehen, investiert Shein gleichzeitig erhebliche Summen genau dort, wo die bestehende Produktionsstruktur ohnehin besonders dicht ist.

Hinzu kommt offenbar politischer Druck. Behörden in Guangzhou sollen das Unternehmen bereits 2025 davor gewarnt haben, größere Auftragsvolumina aus der Region abzuziehen. Eine offizielle Bestätigung dafür gibt es nicht.

Neue EU-Zölle erhöhen den Druck auf das Direktversandmodell

Für Shein wird die starke Abhängigkeit von China zugleich zunehmend zum Risiko. Seit dem 1. Juli 2026 erhebt die Europäische Union auf bestimmte niedrigwertige E-Commerce-Importe unter 150 Euro vorübergehend einen pauschalen Zoll von drei Euro je Warenkategorie innerhalb einer Sendung.

Damit wird auch in Europa ein Element des Geschäftsmodells teurer, das Plattformen wie Shein beim Direktversand aus Asien lange entgegenkam.

In den USA ist der Effekt bereits sichtbar. Dort gingen Sheins Umsätze im ersten Quartal 2026 nach Unternehmensangaben gegenüber dem Vorjahreszeitraum um rund 14 Prozent zurück. Veränderungen bei Zöllen und Einfuhrregeln erhöhen damit den Druck, Produktion und Logistik näher an wichtige Absatzmärkte zu verlagern.

Ausgerechnet die Schwierigkeiten in Vietnam und Brasilien zeigen jedoch, dass dieser Schritt nicht ohne Weiteres funktioniert.

Sheins Abhängigkeit von China bleibt das strategische Dilemma

Für andere Händler ist die Entwicklung aufschlussreich. Sheins Position im Fast-Fashion-Handel beruht nicht allein auf aggressiven Preisen, Social-Media-Marketing oder datengetriebener Sortimentssteuerung. Ein wesentlicher Teil des Modells steckt in einer über Jahre aufgebauten Produktionsinfrastruktur.

Die **Shein Lieferkette** verbindet Nachfrageinformationen direkt mit einem dichten Netz kleiner und flexibler Hersteller. Diese Struktur ist schwer kopierbar – offenbar sogar für Shein selbst.

Genau daraus entsteht das strategische Dilemma: Handelspolitische Risiken sprechen für eine stärkere Diversifizierung der Produktion. Operative Effizienz spricht dagegen weiterhin für China. Shein kann seine App weltweit skalieren. Bei seiner Lieferkette ist das deutlich schwieriger.

Faktenbox

Shein: Vietnam, China und die Lieferkette
UnternehmenShein
Ursprüngliche Lagerfläche VietnamRund 15 Hektar nahe Ho-Chi-Minh-Stadt
Aktuelle MietflächeRund sechs Hektar
PersonalentwicklungUmfangreicher Stellenabbau seit April 2026
Ziel der Vietnam-ExpansionDiversifizierung der Produktion und geringere Abhängigkeit von China
Kern des ProduktionsmodellsKleine Losgrößen, kurze Produktionszeiten und schnelle Nachbestellungen
China-SchwerpunktGuangzhou und insbesondere der Textilstandort Panyu
Geplante Investitionen in GuangdongMehr als 10 Milliarden Yuan beziehungsweise rund 1,5 Milliarden US-Dollar
Weiteres DiversifizierungsprojektAufbau einer lokalen Produktion in Brasilien mit erheblichen Umsetzungsproblemen
EU-Regel seit 1. Juli 2026Vorübergehender Zoll von drei Euro je Warenkategorie bei bestimmten Sendungen unter 150 Euro
US-Umsatz Q1 2026Rückgang um rund 14 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal