SHEIN Lieferkette: Prüfungen zeigen Fortschritte und Lücken
SHEIN hat neue Ergebnisse zu Prüfungen in seiner Lieferkette veröffentlicht. Im Mittelpunkt stehen eine Lohnanalyse bei ausgewählten Lieferanten in Guangzhou, eine Befragung von fast 10.000 Arbeitern sowie Rückmeldungen von Lieferanten zu den Einkaufspraktiken des Konzerns. Die Zahlen fallen für SHEIN günstig aus – lösen aber nicht alle strukturellen Fragen rund um Tempo, Preisdruck und Abhängigkeiten in der SHEIN Lieferkette.
📌 Auf einen Blick
SHEIN ließ bei 208 ausgewählten Lieferanten in Guangzhou Löhne und Arbeiterfeedback untersuchen. Laut Untersuchung lagen 95,3 Prozent der geprüften Arbeiter beim Stundenlohn auf oder über einem Referenzwert für existenzsichernde Löhne. Gleichzeitig kannten 34,9 Prozent der Befragten die bestehenden Beschwerdekanäle von SHEIN nicht.
SHEIN Lieferkette rückt erneut in den Fokus
Inhaltsverzeichnis
Die SHEIN Lieferkette steht seit Jahren im Mittelpunkt der Debatte über Ultra-Fast-Fashion, niedrige Preise und Produktionsdruck. Nun versucht der Konzern, mit externen Partnern mehr Transparenz in einzelne Bereiche seiner Lieferantenbasis zu bringen. Nach eigenen Angaben arbeitete SHEIN 2025 mit Cascale Better Buying und Worldwide Responsible Accredited Production, kurz WRAP, zusammen.
Die Projekte sollten nicht nur klassische Sozialaudits ergänzen, sondern zusätzliche Daten zu Löhnen, Arbeitsbedingungen, Arbeiterzufriedenheit und Einkaufspraktiken liefern. Das ist grundsätzlich relevant, weil Audits allein häufig nur Momentaufnahmen abbilden. Ob daraus tatsächlich dauerhafte Verbesserungen entstehen, hängt jedoch weniger von der Veröffentlichung einzelner Kennzahlen ab als von der Frage, ob SHEIN seine Einkaufslogik, Produktionszyklen und Anreizsysteme entsprechend anpasst.
Lohnprüfung bei 208 Lieferanten in Guangzhou
Für die Untersuchung wurden 208 große Lieferanten von SHEIN-Markenprodukten in Guangzhou ausgewählt. Maßgeblich war laut Unternehmen der Beschaffungswert. Zwischen Mai und November 2025 führten Prüfer von drei WRAP-akkreditierten Monitoring-Firmen Vor-Ort-Besuche durch. Die Analyse umfasste Lohnunterlagen von 2.441 Arbeitern, insgesamt wurden 7.317 Lohnproben ausgewertet.
Nach den veröffentlichten Ergebnissen erfüllten 99,8 Prozent der geprüften Lohnaufzeichnungen die lokalen gesetzlichen Mindestlohnanforderungen. 95,5 Prozent lagen mindestens 40 Prozent über dem gesetzlichen Mindestlohn. Beim Referenzwert für einen existenzsichernden Stundenlohn in Guangzhou erreichten oder überschritten 95,3 Prozent der geprüften Arbeiter den Wert. 61,2 Prozent lagen mindestens 40 Prozent darüber.
Diese Zahlen lesen sich zunächst deutlich positiv. Gleichzeitig bleibt wichtig, was sie nicht zeigen: Die Untersuchung bezieht sich auf ausgewählte Lieferanten in Guangzhou und nicht auf die gesamte SHEIN Lieferkette. Zudem wurden die Referenzwerte von CTI berechnet und nicht als allgemein verbindlicher Lohnstandard festgelegt. Für Leser ist daher entscheidend, die Daten nicht als pauschalen Freispruch für das gesamte Produktionsmodell zu verstehen.
Arbeiterbefragung zeigt Zustimmung und blinde Flecken
Neben der Lohnprüfung wurde eine freiwillige Arbeiterbefragung durchgeführt. Insgesamt gingen 9.981 eindeutige Antworten ein. Die Befragung umfasste 18 Fragen zu Löhnen, Lebenshaltungskosten, Arbeitszufriedenheit und Kommunikation im Betrieb.
60,9 Prozent der Befragten gaben an, dass ihr Lohn zur Deckung der Lebenshaltungskosten ausreiche. 12,4 Prozent waren unsicher, 26,7 Prozent hielten den Lohn für nicht ausreichend. Diese Lücke ist besonders interessant, weil sie zeigt, dass rechnerische Lohnbenchmarks und subjektive Lebensrealität nicht zwingend deckungsgleich sind. Wer etwa Wohnkosten, Kinderbildung oder familiäre Verpflichtungen tragen muss, bewertet denselben Lohn anders als ein alleinstehender Arbeiter ohne zusätzliche Belastungen.
Bei der Arbeitszufriedenheit fielen die Werte überwiegend positiv aus. 86,8 Prozent zeigten sich mit dem Arbeitsumfeld zufrieden. 65,6 Prozent waren mit ihrem aktuellen Job zufrieden oder sehr zufrieden, 32,0 Prozent neutral und 2,4 Prozent unzufrieden. Gleichzeitig gaben 10,9 Prozent an, sicher oder möglicherweise in naher Zukunft den Arbeitsplatz wechseln zu wollen.
Ein kritischer Punkt betrifft die Beschwerdekanäle. 34,9 Prozent der Befragten wussten nach eigenen Angaben nicht, dass es bestehende SHEIN-Beschwerdewege gibt. Für ein Unternehmen, das seine Sorgfaltspflichten betont, ist das ein handfester Befund. Ein Beschwerdesystem hilft wenig, wenn ein relevanter Teil der Arbeiter es nicht kennt.
Arbeitszeiten bleiben ein sensibles Thema
In der freiwilligen offenen Rückmeldung nannten 81 Befragte Arbeitszeiten als Thema. 39 Arbeiter wünschten sich kürzere Arbeitszeiten, 42 hätten gern die Möglichkeit, zusätzliche Stunden und mehr Arbeit zu übernehmen. Diese Verteilung zeigt ein bekanntes Dilemma in Niedriglohn- und Akkordstrukturen: Mehr Einkommen entsteht oft über längere Arbeitszeit, während Entlastung zugleich Einkommensverluste bedeuten kann.
Genau hier liegt ein zentraler Punkt der Debatte um die SHEIN Lieferkette. Wenn ein Geschäftsmodell auf schneller Produktion, hoher Sortimentsdynamik und niedrigen Verkaufspreisen basiert, reicht es nicht, nur die Einhaltung lokaler Mindeststandards zu prüfen. Entscheidend ist, ob Lieferanten unter ausreichend planbaren Bedingungen produzieren können, ohne Druck auf Arbeitszeiten, Löhne oder informelle Beschäftigungsmodelle weiterzugeben.
Lieferanten bewerten SHEIN besser als den Branchenwert
Neben der Arbeiterperspektive hat SHEIN auch Lieferanten zu den eigenen Einkaufspraktiken befragen lassen. Im Better Buying Partnership Index von Cascale Better Buying nahmen 72 SHEIN-Lieferanten teil. Bewertet wurden fünf Bereiche: Zeit, Transparenz, Stabilität, faire Finanzpraktiken und geteilte Verantwortung.
SHEIN erreichte einen Wert von +64 auf einer Skala von -100 bis +100. Der Vergleichswert für Softgoods lag bei +61. 90,3 Prozent der befragten Lieferanten bewerteten SHEIN als bevorzugten Partner. Positiv genannt wurden unter anderem digitale Systeme, Schulungen, pünktliche Zahlungen, Kommunikation und Informationsweitergabe für Planung, Produktion und Bestandsmanagement. Weitere Informationen zum Instrument bietet der Better Buying Partnership Index von Cascale.
Doch auch hier gibt es Reibung. Lieferanten wünschten sich stabilere und größere Bestellvolumen. Schwankende Nachfrage, entfernte Produkte oder Off-Peak-Phasen erschweren die Kapazitätsplanung. Gleichzeitig nannten sie steigende Kosten und Cashflow-Druck in einem anspruchsvollen globalen Handelsumfeld. Das ist der weniger glänzende Teil der Lieferkettenrealität: Wer schnell, günstig und flexibel liefern soll, trägt einen erheblichen Teil des Risikos.
Neue Hotline als zusätzlicher Prüfstein
SHEIN kündigte zudem an, mit WRAP und dem Ethical Supply Chain Program eine unabhängige Hotline für Arbeiter in ausgewählten Lieferantenbetrieben zu testen. Seit März 2026 soll diese rechtliche, psychologische und personalbezogene Unterstützung bieten. Das ist ein sinnvoller Schritt, sofern die Hotline unabhängig betrieben wird, verständlich kommuniziert wird und Arbeiter keine Nachteile fürchten müssen.
Ob die Maßnahme wirkt, hängt an drei Fragen: Kennen die Arbeiter die Hotline? Vertrauen sie ihr? Und werden Beschwerden nachvollziehbar bearbeitet? Gerade weil mehr als ein Drittel der Befragten bestehende Beschwerdekanäle nicht kannte, wird die praktische Umsetzung wichtiger sein als die Ankündigung selbst.
Warum die Zahlen nicht das Ende der Debatte sind
Die veröffentlichten Daten zur SHEIN Lieferkette liefern mehr Einblick als reine Unternehmensversprechen. Sie zeigen, dass ausgewählte Lieferanten in Guangzhou bei Lohnprüfung und Arbeiterfeedback besser abschneiden, als viele Kritiker erwarten würden. Gleichzeitig bleiben die Ergebnisse begrenzt: Es handelt sich um eine Stichprobe, um ausgewählte Lieferanten und um Kennzahlen, die vor allem innerhalb des untersuchten Rahmens belastbar sind.
Für Verbraucher, Händler und Marktbeobachter liegt der Mehrwert der Zahlen deshalb nicht in einer einfachen Bewertung nach dem Muster „Problem gelöst“ oder „alles Greenwashing“. Relevanter ist die Frage, ob SHEIN solche Untersuchungen regelmäßig, breiter und mit überprüfbaren Folgemaßnahmen fortsetzt. Die SHEIN Lieferkette wird nicht durch eine positive Kennzahl glaubwürdig, sondern durch dauerhaft nachvollziehbare Veränderungen bei Löhnen, Arbeitszeiten, Beschwerdemechanismen und Einkaufspraktiken.
Faktenbox
| Fakten zur SHEIN Lieferkette | |
|---|---|
| Thema | Löhne, Arbeiterfeedback und Lieferantenbeziehungen in der SHEIN Lieferkette |
| Zeitraum der Vor-Ort-Prüfungen | Mai bis November 2025 |
| Geprüfte Lieferanten | 208 ausgewählte Lieferanten von SHEIN-Markenprodukten in Guangzhou |
| Lohnstichprobe | 7.317 Lohnproben von 2.441 Arbeitern |
| Mindestlohn-Compliance | 99,8 Prozent der geprüften Lohnaufzeichnungen erfüllten lokale gesetzliche Mindestlohnanforderungen |
| Referenzwert existenzsichernder Lohn | 95,3 Prozent der geprüften Arbeiter lagen beim Stundenlohn auf oder über dem berechneten Referenzwert für Guangzhou |
| Arbeiterbefragung | 9.981 eindeutige Antworten auf eine freiwillige, anonyme Befragung |
| Beschwerdekanäle | 34,9 Prozent der Befragten kannten die bestehenden SHEIN-Beschwerdekanäle nicht |
| Lieferantenbefragung | 72 Lieferanten nahmen am Better Buying Partnership Index teil |
| BBPI-Wert | SHEIN erreichte +64; der Softgoods-Vergleichswert lag bei +61 |
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