Gebraucht ist das neue Neu: Warum Marken-Zweitmärkte 2026 zum Milliardengeschäft werden

Die europäische Handelslandschaft durchläuft gegenwärtig einen fundamentalen Strukturwandel, der die bisherigen Prinzipien der Linearwirtschaft zugunsten einer systemischen Circular Economy ablöst. Dieser Prozess wird nicht länger primär durch freiwillige Selbstverpflichtungen oder Marketing-Initiativen vorangetrieben, sondern resultiert aus einem dichten Geflecht regulatorischer Vorgaben auf EU-Ebene sowie technologischen Durchbrüchen in der Logistik.

Das Jahr 2026 markiert hierbei einen kritischen Wendepunkt, da zentrale Gesetzesvorhaben wie die Verordnung über Verpackungen und Verpackungsabfälle (PPWR) und die Richtlinie zur Stärkung der Verbraucher für den ökologischen Wandel (ECGT) ihre volle operative Wirksamkeit entfalten. Unternehmen stehen vor der Herausforderung, ihre gesamten Lieferketten, von der Produktgestaltung bis zur Rückwärtslogistik, auf die Erhaltung von Materialwerten und die Minimierung von Abfällen auszurichten.

📌 Auf einen Blick

Das Jahr 2026 markiert mit der vollen Wirksamkeit der EU-Verordnungen PPWR und ECGT einen Wendepunkt, der Greenwashing untersagt und den Digitalen Produktpass schrittweise zur Pflicht macht. Gleichzeitig revolutionieren zirkuläre Mehrwegsysteme die Logistik durch eine Müllreduktion von bis zu 94 % , während der Re-Commerce mit einem erwarteten Volumen von 120 Milliarden Euro zum neuen Marktstandard aufsteigt.

Der globale Markt für Circular Economy wächst bis 2026 auf über 578 Mrd. USD.
Der globale Markt für Circular Economy wächst bis 2026 auf über 578 Mrd. USD.

Der regulatorische Rahmen der Circular Economy im Jahr 2026

Die Transformation zur Circular Economy wird maßgeblich durch die Rechtsetzung der Europäischen Union gesteuert, die darauf abzielt, Nachhaltigkeit zum Standard für alle auf dem Binnenmarkt angebotenen Produkte zu machen. Ein zentrales Element ist die Richtlinie 2024/825 (Empowering Consumers for the Green Transition – ECGT), die ab dem 27. September 2026 verbindlich anzuwenden ist. Diese Richtlinie untersagt generische Umweltaussagen wie „umweltfreundlich“, „öko“ oder „grün“, sofern diese nicht durch eine herausragende Umweltleistung belegt werden können, die für die betreffende Aussage relevant ist. Damit reagiert der Gesetzgeber auf die weite Verbreitung von Greenwashing, das die Glaubwürdigkeit nachhaltiger Angebote untergraben hat.

Unternehmen müssen künftig jede explizite Umweltaussage durch anerkannte Methoden, wie beispielsweise Lebenszyklusanalysen, substantiieren und durch unabhängige Dritte verifizieren lassen. Besonders einschneidend ist das Verbot von Werbeaussagen, die eine neutrale, reduzierte oder positive Auswirkung auf die Umwelt (insbesondere „klimaneutral“) suggerieren, wenn diese lediglich auf der Kompensation von Treibhausgasemissionen durch CO2-Zertifikate beruhen. Die Rechtsprechung, insbesondere in Deutschland, hat bereits im Vorfeld der Richtlinienumsetzung klargestellt, dass Verbraucher unter dem Begriff „klimaneutral“ oft eine tatsächliche Emissionsvermeidung oder -reduktion im Produktionsprozess verstehen, weshalb eine bloße Kompensation ohne entsprechende Erläuterung als irreführend eingestuft wird. Ab Ende 2026 müssen Firmen für zukunftsgerichtete Umweltaussagen zudem einen detaillierten, öffentlich zugänglichen und objektiv überprüfbaren Fahrplan vorlegen, dessen Umsetzung regelmäßig von Experten überwacht wird.

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Der regulatorische Rahmen der Circular Economy im Jahr 2026
Der regulatorische Rahmen der Circular Economy im Jahr 2026

Parallel zur ECGT setzt die Verordnung über Verpackungen und Verpackungsabfälle (Packaging and Packaging Waste Regulation – PPWR) neue Standards für die Logistikbranche. Ab dem 12. August 2026 gelten strenge Anforderungen an die Zusammensetzung von Verpackungen. Ein prominentes Beispiel ist das Verbot von per- und polyfluorierten Alkylsubstanzen (PFAS) in Lebensmittelverpackungen oberhalb bestimmter Grenzwerte, um gesundheitliche Risiken durch „Ewigkeitschemikalien“ zu minimieren. Bis zum Jahr 2030 müssen alle auf dem Markt befindlichen Verpackungen recycelbar sein, wobei ein Bewertungssystem eingeführt wird, das Verpackungen in die Klassen A, B und C unterteilt. Verpackungen, die weniger als 70 % ihres Gewichts recycelbar sind (Klasse D oder schlechter), werden ab diesem Zeitpunkt vom Markt ausgeschlossen.

Logistische Innovationen: Mehrweg-Versandboxen und Rücknahmesysteme

Die Circular Economy manifestiert sich in der Versandlogistik vor allem durch den Übergang von Einwegkartonagen zu zirkulären Mehrwegsystemen. In Deutschland werden jährlich über vier Milliarden Pakete versendet, was zu einer massiven Belastung der Entsorgungsinfrastruktur führt. Um dieses Problem an der Quelle zu lösen, haben Anbieter wie Boomerang, hey circle und rhinopaq Systeme entwickelt, die auf langlebigen, faltbaren Versandtaschen und Boxen basieren. Diese Verpackungen bestehen häufig aus recyceltem Kunststoff und sind für bis zu 50 oder 60 Umläufe konzipiert.

Die praktische Umsetzung dieser Rücknahmesysteme erfolgt meist über ein Pfandmodell. Kunden wählen im Onlineshop die Option „Mehrwegversand“ und hinterlegen einen Pfandbetrag von beispielsweise drei Euro. Nach Erhalt der Ware wird die Box auf ein handliches Format (oft DIN A4) zusammengefaltet und kann einfach über vorhandene Briefkästen der Post oder an speziellen Sammelstellen zurückgegeben werden. Sobald die Box beim Anbieter eintrifft, wird sie gescannt, gereinigt und für den nächsten Einsatz vorbereitet, während der Kunde sein Pfand automatisch zurückerhält. Diese Systeme reduzieren nicht nur den Verpackungsmüll um bis zu 94 %, sondern senken auch die CO2-Emissionen im Vergleich zu Einweglösungen um etwa 76 %.

Für Händler bietet die Circular Economy in der Logistik zudem wirtschaftliche Vorteile. Da die Kosten für Einwegverpackungen durch Rohstoffknappheit und steigende Entsorgungsgebühren zunehmen, können Mehrwegboxen die Verpackungskosten über ihre gesamte Lebensdauer um bis zu 53 % senken. Die PPWR unterstützt diesen Trend durch verbindliche Quoten: Bis 2030 müssen beispielsweise 40 % der für den Transport von Produkten innerhalb der EU genutzten Verpackungen wiederverwendbar sein. In geschlossenen Kreisläufen, etwa beim Transport zwischen Zentrallagern und Filialen oder in Vermietungsmodellen für Kleidung und Werkzeuge, sind diese Systeme bereits heute hochgradig effizient, da die Rückführung der Verpackung ohnehin Teil des Geschäftsprozesses ist.

Ein weiterer wichtiger Aspekt der logistischen Innovation ist die Reduzierung von Leerraum. Die PPWR schreibt vor, dass der Anteil an leerem Raum in Versandverpackungen ab 2030 maximal 50 % betragen darf. Dies zwingt Unternehmen zur Nutzung von On-Demand-Verpackungstechnologien, die Kartons in Echtzeit exakt auf die Größe der bestellten Ware zuschneiden. Solche Systeme minimieren nicht nur den Materialverbrauch, sondern optimieren auch die Auslastung von Transportfahrzeugen, was wiederum die Anzahl der notwendigen Fahrten und die damit verbundenen Emissionen reduziert.

Re-Commerce: Der Aufstieg von Marken-eigenen Zweitmärkten

Re-Commerce, der Handel mit gebrauchten oder generalüberholten Produkten, hat sich von einem Nischenmarkt zu einem zentralen Pfeiler der Circular Economy entwickelt. Prognosen zufolge wächst dieser Sektor in Europa bis 2025 auf ein Volumen von 120 Milliarden Euro an, wobei die Wachstumsraten 20-mal höher liegen als im klassischen Einzelhandel. Führende Unternehmen wie IKEA, Zalando, H&M und Apple haben erkannt, dass sie durch die Integration von Re-Commerce-Modellen in ihre eigenen Onlineshops die Kontrolle über den gesamten Lebenszyklus ihrer Produkte behalten können.

Das Motiv für Marken, Re-Commerce in Eigenregie zu betreiben, ist vielschichtig. Einerseits reagieren sie auf die veränderte Nachfrage der jüngeren Generationen; etwa 68 % der Generation Z und der Millennials suchen aktiv nach gebrauchten Artikeln, oft als erste Option vor dem Neukauf. Andererseits ermöglichen eigene Rücknahme- und Wiederverkaufsprogramme (Buy-Back-Modelle) den Zugriff auf wertvolle Sekundärrohstoffe und reduzieren die Kosten für die Einhaltung erweiterter Herstellerverantwortungen (EPR). In Kategorien wie Elektronik, Möbel und hochwertige Mode ist die Wertschöpfung durch Reparatur und Refurbishment besonders hoch.

Re-Commerce und Circular Economy: Der Aufstieg von Marken-eigenen Zweitmärkten
Re-Commerce und Circular Economy: Der Aufstieg von Marken-eigenen Zweitmärkten

Die Implementierung erfordert jedoch spezialisierte logistische Strukturen. Rückgeführte Waren müssen geprüft, gereinigt, gegebenenfalls repariert und neu kategorisiert werden (Grading-Systeme von A bis C). Technologische Dienstleister bieten hierfür automatisierte Lösungen an, die Retouren innerhalb weniger Stunden wieder in den Verkaufskanal integrieren können. Durch die Verknüpfung mit dem digitalen Produktpass (DPP), der ab 2026 schrittweise verpflichtend wird, können Käufer zudem transparent nachvollziehen, welche Materialien ein Produkt enthält und wie es repariert oder recycelt werden kann.

Psychologie der Nachhaltigkeit: Nudging und CO2-Transparenz

Der Erfolg der Circular Economy entscheidet sich oft am Point of Sale. Hierbei zeigt sich eine signifikante Lücke zwischen dem geäußerten Umweltbewusstsein der Konsumenten und ihrem tatsächlichen Handeln (Intention-Behavior Gap). Studien belegen, dass zwar 74 % der Verbraucher gesetzliche Maßnahmen zur Abfallvermeidung begrüßen, die Bereitschaft für nachhaltige Lösungen einen Aufpreis zu zahlen jedoch rückläufig ist; 2025 sind nur noch etwa 54 % der Befragten bereit, mehr für grüne Verpackungen auszugeben. Nachhaltigkeit wird zunehmend als Grundvoraussetzung angesehen, die keinen preislichen Nachteil für den Kunden haben darf.

Um nachhaltige Entscheidungen zu fördern, setzen Onlinehändler auf digitale Nudges. Ein wirksames Instrument ist die Integration von CO2-Transparenz im Checkout. Wenn Kunden sehen, welche Emissionen durch verschiedene Versandarten entstehen, wählen sie eher die umweltfreundlichere Option, insbesondere wenn diese als Standard (Default) gesetzt ist. „Slow Shipping“ – die bewusste Entscheidung für eine längere Lieferzeit – ermöglicht es Logistikern, Sendungen besser zu bündeln und die Transporteffizienz zu steigern. Green Labels, die ökologisch vorteilhafte Lieferfenster oder Abholpunkte kennzeichnen, aktivieren die intrinsische Motivation der Konsumenten stärker als rein monetäre Anreize.

Interessanterweise ist die physische Wahrnehmung von Nachhaltigkeit für Kunden entscheidend. Die Vermeidung von sichtbarem Müll wird von 66 % der Konsumenten als wichtigstes Nachhaltigkeitsmerkmal eingestuft. Mehrwegboxen, die vom Kunden selbst gefaltet und zurückgegeben werden, erzeugen ein Gefühl der aktiven Teilhabe an der Circular Economy und stärken die Markenbindung nachhaltig. Dennoch dürfen diese Systeme die Funktionalität nicht beeinträchtigen; sobald die Handhabung zu kompliziert wird oder die Hygiene der Ware gefährdet scheint, sinkt die Akzeptanz rapide.

Technologische Enabler: Digitaler Produktpass und Datenmanagement

Die technologische Basis für eine funktionierende Circular Economy wird durch den digitalen Produktpass (DPP) geschaffen. Dieser dient als digitaler Zwilling eines physischen Produkts und speichert Informationen über dessen Herkunft, Materialzusammensetzung, Reparierbarkeit und Entsorgung. Ab 2026 wird der DPP zunächst für Batterien zur Pflicht, bevor er auf Textilien, Elektronik und Möbel ausgeweitet wird. Über QR-Codes oder RFID-Chips können Konsumenten, Werkstätten und Recycler gleichermaßen auf die für sie relevanten Daten zugreifen.

Für Unternehmen bedeutet die Einführung des DPP einen erheblichen Aufwand bei der Datenpflege. Stammdaten in PIM- und ERP-Systemen müssen um ökologische Attribute wie den CO2-Fußabdruck pro Einheit, den Recyclinganteil und Informationen zur Zerlegbarkeit erweitert werden. Wer hier frühzeitig investiert, verschafft sich einen Wettbewerbsvorteil, da Transparenz zunehmend als Qualitätsmerkmal wahrgenommen wird. Zudem ermöglicht eine saubere Datenbasis die Automatisierung von Rücknahmeprozessen und die Optimierung von Recyclingquoten.

Zusätzlich gewinnen KI-gestützte Systeme an Bedeutung, die Abfallströme analysieren oder Füllstände von Sammelbehältern in Echtzeit überwachen. Solche Technologien ermöglichen eine bedarfsgerechte Logistikplanung, reduzieren Leerfahrten und senken die operativen Kosten für die Kreislaufführung massiv. Im E-Commerce hilft KI zudem bei der Hyper-Personalisierung, indem sie Kunden basierend auf deren bisherigem Verhalten gezielt Produkte aus Re-Commerce-Programmen oder nachhaltige Versandoptionen vorschlägt.

Ökonomische Auswirkungen und Marktentwicklung bis 2026

Die ökonomische Bedeutung der Circular Economy wächst rasant. Der weltweite Markt wird bis 2026 ein Volumen von über 578 Milliarden USD erreichen, bei einer jährlichen Wachstumsrate von 11,6 %. Europa nimmt hierbei eine Vorreiterrolle ein, getrieben durch den Green Deal und die ambitionierten Ziele der Mitgliedstaaten. In Deutschland strebt die Nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie (NKWS) an, den Primärrohstoffverbrauch massiv zu senken und die Materialkreisläufe zu schließen, was langfristig die Resilienz der Wirtschaft gegenüber globalen Lieferkettenstörungen stärken soll.

Unternehmen, die ihre Geschäftsmodelle auf Zirkularität umstellen, profitieren nicht nur von einer besseren regulatorischen Compliance, sondern auch von einer höheren Ressourceneffizienz. Die Rückführung und Wiederverwendung von Materialien senkt die Abhängigkeit von teuren Primärrohstoffen und reduziert die Belastung durch steigende CO2-Preise, die in Deutschland bis 2026 auf bis zu 65 Euro pro Tonne steigen könnten. Die Circular Economy wird somit zu einem entscheidenden Faktor für die Wettbewerbsfähigkeit und das langfristige Wachstum im europäischen Handel.

Faktenbox

Circular Economy 2026: Kennzahlen & Regulierung
Marktvolumen weltweitÜber 578 Milliarden USD bis 2026
Müllreduktion (Mehrweg)Einsparung von bis zu 94 % des Verpackungsmülls
CO2-Einsparung (Mehrweg)Senkung der Emissionen um ca. 76 % im Vergleich zu Einweg
Wirtschaftlicher VorteilMehrwegboxen senken Verpackungskosten um bis zu 53 %
Re-Commerce Volumen120 Milliarden Euro in Europa (Wachstum 20x höher als Einzelhandel)
Stichtag Greenwashing-Verbot27. September 2026 (ECGT-Richtlinie wird verbindlich)
Digitaler Produktpass (DPP)Einführungspflicht für Batterien ab 2026
CO2-PreisprognoseAnstieg auf bis zu 65 Euro pro Tonne in Deutschland
Verbraucherakzeptanz54 % der Kunden sind 2025 bereit, Mehrkosten für grüne Verpackung zu tragen