Europas stille Verschiebungen im US-China-Handelskrieg

US-China-Zölle verteuern nicht einfach nur Waren an der Grenze. Sie wandern durch Lieferketten, verändern Kosten in nachgelagerten Branchen und schwächen die Nachfrage bei Zulieferern. Ein Working Paper aus der Reihe der Europäischen Zentralbank zeigt, warum der Staat, der einen Zoll erhebt, vor allem mehr Inflation importiert – während das Zielland den größeren Produktionsverlust trägt.

📌 Auf einen Blick

Das Modell simuliert einen gegenseitigen Zollanstieg von 10 Prozentpunkten in 20 Industriezweigen. Nach einem US-Zoll sinkt Chinas Wirtschaftsleistung zunächst um rund 0,24 Prozent, die der USA um etwa 0,04 Prozent; zugleich steigt die US-Inflation um ungefähr 0,13 Prozentpunkte.

US-China-Zölle: Warum der Absender mitbezahlt
US-China-Zölle: Warum der Absender mitbezahlt

US-China-Zölle verteilen Inflation und Wachstum ungleich

Die Autoren modellieren vier Wirtschaftsblöcke: die USA, China, den Euroraum und den Rest der Welt. Jeder Block umfasst 44 Branchen, darunter 20 handelbare Industriezweige, auf die der Zollschock angewendet wird. Berücksichtigt werden Vorleistungsverflechtungen, unterschiedliche Preisrigiditäten und drei Formen der Rechnungsstellung: in der Währung des Herstellers, in der Währung des Käufers oder in US-Dollar.

Im Basisszenario erhöhen beide Länder ihre Zölle auf Industriewaren des jeweils anderen Landes um zehn Prozentpunkte. Wird zunächst nur der US-Zoll auf chinesische Waren betrachtet, fällt Chinas reales Bruttoinlandsprodukt beim Eintritt des Schocks um rund 0,24 Prozent. Das US-BIP sinkt um etwa 0,04 Prozent. Der Produktionsverlust in China ist damit ungefähr sechsmal so groß.

Bei den Preisen ist das Bild umgekehrt. Die US-Verbraucherpreisinflation steigt unmittelbar um rund 0,13 Prozentpunkte. Der Grund ist wenig überraschend, wird in der politischen Debatte aber gern kleingeredet: Der Zoll wird auf Importpreise und importierte Vorleistungen aufgeschlagen. Bezahlt wird er zunächst im Land, das ihn erhebt. Der politische Slogan, Zölle würden vor allem den Gegner treffen, hält dieser Modelllogik nicht stand.

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Lieferketten machen aus einem Zollschock ein Branchenproblem

US-China-Zölle wirken nicht nur auf die unmittelbar betroffenen Produkte. Werden chinesische Vorleistungen in den USA teurer, steigen die Kosten der Unternehmen, die diese Teile weiterverarbeiten. Gleichzeitig sinkt in China die Nachfrage nach Vorprodukten, wenn exportorientierte Hersteller weniger verkaufen. Der Schock läuft damit in zwei Richtungen durch das Produktionsnetz: nachgelagert über höhere Kosten und vorgelagert über geringere Nachfrage.

Gegenrechnungen im Working Paper zeigen, dass die chinesischen Produktionsverluste deutlich kleiner ausfallen, wenn diese Verflechtungen weitgehend ausgeschaltet werden. Besonders wichtig ist die Weitergabe innerhalb der heimischen Produktionsstruktur. Internationale Verbindungen können einzelne Effekte teilweise abfedern, ändern aber nichts am Kernbefund: Ein Zoll bleibt selten dort, wo er erhoben wird.

Für Unternehmen bedeutet das, dass direkte Importquoten allein ein schwacher Risikoindikator sind. Entscheidend ist auch, welche Lieferanten, Abnehmer und Vorleistungsbranchen an einem Produkt hängen. Ein Betrieb ohne direkten China-Import kann trotzdem betroffen sein, wenn sein deutscher oder europäischer Lieferant chinesische Komponenten nutzt.

Dollarpreise begrenzen den Schutz durch Wechselkurse

Ein weiterer Verstärker ist die Währung, in der Handelsgeschäfte abgerechnet werden. Sinkt der Renminbi gegenüber dem Dollar, könnten chinesische Waren im Ausland günstiger werden und einen Teil des Zolleffekts ausgleichen. Das funktioniert jedoch nur eingeschränkt, wenn Preise kurzfristig in Dollar festgeschrieben sind.

Im Modell werden 17 Branchen überwiegend der Dollarpreisbildung zugeordnet, 20 der Käuferwährung und sieben der Herstellerwährung. Bei starren Dollarpreisen hilft eine Abwertung des Renminbi chinesischen Exporteuren weniger. Die Anpassung erfolgt dann stärker über Absatz und Produktion statt über den Preis. Die US-China-Zölle treffen China dadurch stärker als in einem Szenario, in dem alle Exporte in der Währung des Produzenten abgerechnet werden.

Europa gewinnt in einigen Branchen und verliert an anderer Stelle

Für den Euroraum bleibt der gesamtwirtschaftliche Effekt im Modell nahe null. Das klingt nach Entwarnung, ist aber eher statistische Tarnung. US-Käufer weichen teilweise von chinesischen auf europäische Anbieter aus. Gleichzeitig reduziert die schwächere chinesische Wirtschaft ihre Nachfrage nach europäischen Waren. Hinzu kommen Wechselkurs- und Lieferketteneffekte.

Positive Handelsimpulse sieht das Modell unter anderem für sonstige Industriewaren, Elektronik, Pharma, Chemie und Kraftfahrzeuge. Nahrungsmittel und Getränke fallen dagegen als negativer Ausreißer auf. Der kleine Gesamteffekt entsteht somit nicht, weil Europa unberührt bleibt, sondern weil sich größere Bewegungen gegenseitig aufheben.

Auch innerhalb der USA und Chinas sind die Folgen konzentriert. In den USA entstehen besonders hohe rechnerische BIP-Gewinne bei sonstigen Industriewaren, Textilien sowie Nahrungsmitteln und Getränken. In China entfallen besonders hohe Verluste auf Textilien, Elektronik und sonstige Industriewaren. Geschützte US-Branchen können zwar zulegen, doch Verluste in anderen Sektoren fressen einen Teil dieser Gewinne wieder auf.

US-China-Zölle sind keine präzise Konjunkturprognose

Die Ergebnisse sollten nicht als Vorhersage mit zwei Nachkommastellen gelesen werden. Das Working Paper [PDF] nutzt ein Modell um einen Ausgangszustand ohne Zölle und hält die Struktur der Lieferketten weitgehend konstant. Unternehmen wechseln darin nicht schrittweise ihre Lieferanten, und strategische Reaktionen der Handelspolitik werden nicht abgebildet.

Die Autoren weisen zudem ausdrücklich darauf hin, dass ihre Aussagen nicht zwingend die Position der EZB oder des Eurosystems wiedergeben. Es handelt sich um ein Working Paper und nicht um eine geldpolitische Stellungnahme der Zentralbank.

Der Mehrwert liegt deshalb weniger in der exakten Höhe einzelner Werte als in der Richtung der Effekte. US-China-Zölle erhöhen im erhebenden Land den Preisdruck, belasten das Zielland stärker bei der Produktion und erzeugen in Drittländern gleichzeitig Gewinner und Verlierer. Wer nur auf bilaterale Handelsdaten schaut, sieht die Grenze – aber nicht das wirtschaftliche Netz dahinter. Die Modellgrenzen, darunter feste Lieferkettenstrukturen und fehlende strategische Zollreaktionen, werden von den Autoren ausdrücklich benannt.

Faktenbox

Working Paper zu Zöllen und Produktionsnetzen
PublikationECB Working Paper Series Nr. 3254, 2026
UntersuchungKurzfristige Folgen eines Zollkonflikts zwischen den USA und China
ModellVier Wirtschaftsblöcke mit jeweils 44 Branchen
ZollszenarioGegenseitige Erhöhung um 10 Prozentpunkte in 20 Industriebranchen
China-BIPRund minus 0,24 Prozent beim US-Zollschock
US-BIPRund minus 0,04 Prozent beim US-Zollschock
US-InflationRund plus 0,13 Prozentpunkte beim Eintritt des Schocks
EuroraumNahezu neutraler Gesamteffekt durch gegenläufige Handelsströme
ÜbertragungskanäleVorleistungen, Produktionsnetzwerke, Wechselkurse und Rechnungswährung
EinschränkungModellsimulation, keine Konjunkturprognose; Lieferketten werden nicht endogen neu aufgebaut