Prognose Wirtschaftswachstum 2026: Bundesregierung korrigiert Erwartung auf 1,0 %

Die Hoffnungen auf einen dynamischen konjunkturellen Befreiungsschlag im zweiten Regierungsjahr des Kabinetts Merz haben am heutigen Mittwoch, den 28. Januar 2026, einen empfindlichen Dämpfer erhalten. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie hat in Berlin offiziell bestätigt, dass die Erwartungen an die ökonomische Leistungsfähigkeit der Bundesrepublik für das laufende Kalenderjahr signifikant nach unten korrigiert werden müssen.

Konkret rechnet die Bundesregierung nunmehr nur noch mit einem Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 1,0 Prozent. Diese Revision markiert eine deutliche Abkehr von den noch im Herbst des Vorjahres gehegten Erwartungen, als das Ministerium unter der Leitung von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) ein Wachstum von 1,3 Prozent in Aussicht gestellt hatte. Die Anpassung der Prognose Wirtschaftswachstum 2026 ist mehr als eine bloße statistische Korrektur; sie ist ein Symptom für die tiefgreifenden strukturellen Verwerfungen und die anhaltende geoökonomische Unsicherheit, die den Standort Deutschland in der Mitte des dritten Jahrzehnts prägen.

Nach einem Jahr der faktischen Stagnation 2025, in dem die deutsche Volkswirtschaft lediglich um 0,2 Prozent zulegen konnte, verdeutlichen die neuen Zahlen, dass der Weg aus der Krise steiniger und langwieriger ist als von der schwarz-roten Koalition erhofft. Die Revision wirft ein Schlaglicht auf das komplexe Zusammenspiel aus verzögerten Investitionsimpulsen, einer schwächelnden globalen Nachfrage und binnenwirtschaftlichen Hemmnissen, die eine rasche Rückkehr zu alter wirtschaftlicher Stärke verhindern.

Prognose Wirtschaftswachstum 2026: Bundesregierung korrigiert Erwartung auf 1,0 %
Prognose Wirtschaftswachstum 2026: Bundesregierung korrigiert Erwartung auf 1,0 %

Konjunkturelle Ausgangslage und Revisionsgründe

Das Erbe der Stagnation: Rückblick auf 2025

Um die Tragweite der aktuellen Prognoseabsenkung zu verstehen, ist eine detaillierte Betrachtung der konjunkturellen Ausgangslage unerlässlich. Das Jahr 2025 ging als ein Jahr der „Beinahe-Rezession“ in die Wirtschaftsgeschichte ein. Mit einem minimalen Wachstum von 0,2 Prozent schrammte Deutschland nur knapp an einem dritten Jahr ohne wirtschaftliche Expansion vorbei. Diese Phase der wirtschaftlichen Blutleere hat tiefe Spuren in den Bilanzen der Unternehmen und im Vertrauen der Verbraucher hinterlassen.

Der erhoffte „Rebound-Effekt“, also ein kräftiges Wiederanspringen der Konjunktur nach der Talsohle, blieb aus. Stattdessen schleppte sich die Wirtschaft mit geringer Dynamik über die Jahreswende. Die Analyse der Bundesregierung identifiziert den schwachen Ausklang des Jahres 2025 als einen der Hauptgründe für die aktuelle Korrektur. Die wirtschaftliche Erholung im zweiten Halbjahr 2025 fiel deutlich schwächer aus als in den Modellen der Ökonomen antizipiert. Dieser sogenannte „statistische Überhang“ – oder in diesem Fall dessen Fehlen – belastet die Jahresrate für 2026 massiv. Wenn eine Volkswirtschaft bereits mit wenig Schwung in ein neues Jahr startet, muss sie im Jahresverlauf umso stärker wachsen, um im Durchschnitt respektable Zuwachsraten zu erzielen. Der Start in das Jahr 2026 gestaltete sich jedoch schwieriger als erwartet, was die Basis für die aktuelle Prognose Wirtschaftswachstum 2026 zusätzlich schwächte.

Verzögerte Wirkung staatlicher Impulse

Ein zentrales Element der wirtschaftspolitischen Strategie der Regierung unter Bundeskanzler Friedrich Merz und seinem Vizekanzler und Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) war die Stimulierung der Nachfrage durch massive staatliche Investitionen. Diese sollten insbesondere über schuldenfinanzierte Sondervermögen realisiert werden, um die „Schuldenbremse“ im Kernhaushalt formal einzuhalten, aber dennoch notwendige Modernisierungen zu finanzieren. Die Mittel waren primär für drei Säulen vorgesehen: die Modernisierung der maroden Infrastruktur, die Beschleunigung des Klimaschutzes und die Stärkung der Bundeswehr.

Die Realität der administrativen Umsetzung holt die politischen Planungen jedoch ein. Die Bundesregierung muss eingestehen, dass diese Milliarden-Ausgaben langsamer wirken als erhofft. Es zeigt sich ein klassisches Problem der deutschen Verwaltung und Planung: Das Geld ist vorhanden, fließt aber aufgrund bürokratischer Hürden, langwieriger Genehmigungsverfahren und Kapazitätsengpässen in der Bau- und Planungsbranche nicht schnell genug in reale Projekte ab.

Finanzminister Lars Klingbeil mahnte daher bei der Vorstellung der Zahlen an, dass bei der Umsetzung der staatlichen Investitionen „mehr Tempo notwendig“ sei. Dennoch bleibt der Staat der wichtigste Stabilisator in diesem fragilen Umfeld. Nach Berechnungen der Regierung dürften die staatlichen Investitionen rechnerisch rund zwei Drittelprozentpunkte zum prognostizierten BIP-Zuwachs von 1,0 Prozent beitragen. Ohne diese staatliche Stütze würde die deutsche Wirtschaft im Jahr 2026 faktisch stagnieren oder sogar schrumpfen. Dies unterstreicht die hohe Abhängigkeit der Konjunktur von fiskalischen Impulsen und die Schwäche der privaten Investitions- und Konsumdynamik.

Geoökonomische Fragmentierung als Wachstumsbremse

Neben den hausgemachten Problemen sieht sich Deutschland als exportorientierte Volkswirtschaft mit einem zunehmend feindseligen globalen Umfeld konfrontiert. Das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung weist in seiner aktuellen Analyse eindringlich auf die geoökonomischen Verschiebungen hin, die das deutsche Geschäftsmodell bedrohen. Die wachsende Rivalität zwischen den beiden Supermächten USA und China hat zu einer Fragmentierung des Welthandels geführt.

Beide Großmächte betreiben eine offensive Handels- und Industriepolitik, die nationale Interessen und Sicherheitsaspekte über den Freihandel stellt. Für die deutsche Industrie, die traditionell stark in beiden Märkten engagiert ist, wird dieser Spagat zunehmend zur Zerreißprobe. Protektionistische Maßnahmen, Zölle und Subventionswettläufe (wie der Inflation Reduction Act in den USA oder ähnliche Maßnahmen in China) benachteiligen europäische und insbesondere deutsche Produzenten.

Das IMK warnt davor, dass Deutschland und die EU in diesem Wettbewerb um technologische Vorherrschaft abgehängt werden könnten, wenn Sicherheits- und Machtinteressen die ökonomische Logik dominieren. Der schwache Export, der einst der Wachstumsmotor der Bundesrepublik war, wird somit zu einer Achillesferse für die Prognose Wirtschaftswachstum 2026. Wirtschaftsministerin Reiche musste einräumen, dass der schwache Export ein wesentlicher Grund für die eingetrübten Aussichten ist. Die globale Nachfrage nach deutschen Investitionsgütern, Fahrzeugen und Maschinen leidet unter der globalen Unsicherheit und der Investitionszurückhaltung in wichtigen Partnerländern.

Sektorale Analyse: Die Industrie im Überlebenskampf

Das Verarbeitende Gewerbe in der Rezession

Besonders dramatisch stellt sich die Lage im Verarbeitenden Gewerbe dar, dem traditionellen Herzstück der deutschen Wirtschaft. Während der Dienstleistungssektor oft eine gewisse Resilienz zeigt, stecken weite Teile der Industrie tief in der Krise. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) zeichnet ein düsteres Bild und geht von einem erneuten Schrumpfen der Wirtschaftsleistung in diesem Sektor um 0,1 Prozent aus. Tanja Gönner, die Hauptgeschäftsführerin des BDI, wählte drastische Worte und bezeichnete die erwartete wirtschaftliche Erholung als „gering und brüchig“.

Die Gründe für die industrielle Schwäche sind multifaktoriell:

    • Energiekosten: Trotz politischer Bemühungen um Entlastung, etwa durch Diskussionen um einen Industriestrompreis, bleiben die Energiekosten in Deutschland im internationalen Vergleich hoch. Dies trifft energieintensive Branchen wie die Chemie, Stahl und Glas besonders hart und führt zu Verlagerungsdiskussionen.
    • Strukturwandel: Die Transformation hin zur Klimaneutralität erfordert gigantische Investitionen in neue Technologien und Produktionsprozesse. In einem Umfeld hoher Zinsen und unsicherer Absatzmärkte halten sich viele Unternehmen mit diesen notwendigen Investitionen zurück.
    • Bürokratie: Die Klagen über überbordende Bürokratie sind nicht neu, haben aber an Dringlichkeit gewonnen. Die Unternehmen fühlen sich durch Regulierungswut gelähmt, was die Agilität in der Krise weiter einschränkt.

Das IMK warnt in diesem Zusammenhang vor „irreparablen Schäden am Kern der deutschen Wirtschaft“, sollte die Industrieproduktion weiter zurückgehen. Einmal abgebaute Kapazitäten oder verlagerte Produktionen kehren in der Regel nicht zurück. Die Deindustrialisierung ist von einem abstrakten Schreckgespenst zu einer realen Gefahr für den Standort geworden.

Bauwirtschaft und Rüstungsindustrie als Sonderkonjunkturen

Während die breite Industrie darbt, gibt es Sektoren, die von den staatlichen Ausgabenprogrammen profitieren. Die Bauindustrie und die Rüstungsindustrie werden explizit als Profiteure der staatlichen Investitionen genannt. Das Sondervermögen der Bundeswehr sorgt für gefüllte Auftragsbücher bei Rüstungskonzernen, was sich positiv auf die Wertschöpfung in diesem spezifischen Segment auswirkt. Auch der Tiefbau profitiert von Infrastrukturprojekten im Bereich Schiene und Straße.

Allerdings ist die Lage am Bau zweigeteilt. Während der staatliche Tiefbau boomt, liegt der private Wohnungsbau weiterhin am Boden. Hohe Baukosten und gestiegene Finanzierungskosten haben den Traum vom Eigenheim für viele unerreichbar gemacht und Projektentwickler in die Insolvenz getrieben. Die staatlichen Impulse können diese Lücke im Wohnungsbau nur teilweise kompensieren. Somit stützt der Staat zwar Teilbereiche, kann aber den breiten Einbruch der privaten Bautätigkeit nicht vollständig auffangen.

Der Arbeitsmarkt: Resilienz mit Rissen

Steigende Arbeitslosigkeit im Jahresverlauf

Die anhaltende konjunkturelle Schwäche bleibt im Jahr 2026 nicht mehr ohne Folgen für den deutschen Arbeitsmarkt. Lange Zeit galt der Arbeitsmarkt als robustes Bollwerk gegen die Krise, doch diese Bastion beginnt zu bröckeln. Alexander Herzog-Stein vom IMK prognostiziert, dass die Arbeitslosigkeit im Jahr 2026 zunächst weiter ansteigen wird. Der Arbeitsmarkt reagiert typischerweise als Spätindikator auf konjunkturelle Entwicklungen.

Die dreijährige Phase der Stagnation und Rezession frisst sich nun langsam durch die Auftragsbücher bis in die Personalabteilungen. Unternehmen, die lange versuchten, ihre Fachkräfte zu halten („Labor Hoarding“), geraten zunehmend unter Kostendruck und müssen Anpassungen vornehmen. Dies betrifft insbesondere die Industrie, aber auch Teile des Handels und der Dienstleistungen. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und das IMK erwarten jedoch keine Entlassungswellen, sondern eher einen schleichenden Anstieg.

Hoffnungsstreif am Horizont

Trotz des prognostizierten Anstiegs der Arbeitslosenzahlen gibt es auch positive Signale. Die Experten gehen davon aus, dass sich das konjunkturelle Umfeld im Laufe des Jahres 2026 durch die expansiven Impulse der Finanzpolitik verbessern wird. Davon dürfte der Arbeitsmarkt in der zweiten Jahreshälfte profitieren. Die Zahl der Arbeitslosen soll dann wieder leicht zurückgehen und die Erwerbstätigkeit zunehmen.

Ein wesentlicher Faktor bleibt der demografische Wandel. Der Fachkräftemangel wirkt als natürlicher Puffer gegen massenhafte Arbeitslosigkeit. Selbst in der Krise suchen viele Unternehmen händeringend nach qualifiziertem Personal, was die Beschäftigungschancen für gut ausgebildete Arbeitnehmer hoch hält. Das IMK betont, dass es wichtig sei, die Erwerbsbeteiligung weiter zu steigern und ein umfassendes System der lebenslangen Weiterbildung zu etablieren, um den Strukturwandel am Arbeitsmarkt zu bewältigen. Dennoch wird sich die Besserung am Arbeitsmarkt in den Jahresdurchschnittszahlen für 2026 noch nicht signifikant niederschlagen.

Inflation und Geldpolitik: Die Rückkehr zur Normalität?

Ein Lichtblick in der Prognose Wirtschaftswachstum 2026 ist die Entwicklung der Preise. Nachdem die Inflationsraten in den Vorjahren die Kaufkraft der privaten Haushalte massiv erodiert hatten, zeichnet sich für 2026 eine deutliche Beruhigung ab. Prognosen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) deuten darauf hin, dass die Inflationsrate (Verbraucherpreise) im Jahr 2026 auf etwa 2,0 Prozent sinken könnte. Dies entspräche genau dem Zielwert der Europäischen Zentralbank (EZB) für Preisstabilität.

Der Rückgang der Inflation ist von entscheidender Bedeutung für die Binnenkonjunktur. Sinkende Inflationsraten bei gleichzeitig steigenden Nominallöhnen führen zu Reallohnzuwächsen. Dies gibt den Konsumenten finanziellen Spielraum zurück, der in den Vorjahren durch die Teuerung bei Energie und Lebensmitteln aufgezehrt wurde.

Die Bundesregierung und die Wirtschaftsforschungsinstitute setzen große Hoffnungen darauf, dass diese Reallohnsteigerungen den privaten Konsum im Jahresverlauf ankurbeln werden. Der private Konsum ist eine der wichtigsten Säulen der deutschen Wirtschaftsleistung. Sollte die „Verunsicherung“ der Verbraucher, vor der das IMK warnt, weichen, könnte der Konsum zum entscheidenden Wachstumstreiber werden, der die Schwäche des Exports kompensiert.

Politische Dimension: Die Koalition unter Druck

Das Spannungsfeld zwischen Reiche und Klingbeil

Die Korrektur der Wachstumsprognose verschärft den Druck auf die schwarz-rote Bundesregierung und insbesondere auf das Duo an der Spitze der Wirtschaftspolitik: Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) und Finanzminister Lars Klingbeil (SPD). Reiche, die erst im Mai 2025 ihr Amt antrat, steht vor der Aufgabe, das Ruder in schwerer See herumzureißen.

Sie bezeichnete das Wirtschaftswachstum unmissverständlich als „nicht zufriedenstellend“ und erneuerte ihre Forderung nach tiefgreifenden Strukturreformen. Ihr Fokus liegt auf der Verbesserung der Angebotsbedingungen: Senkung der Steuerlast für Unternehmen, Reform der sozialen Sicherungssysteme zur Senkung der Lohnnebenkosten und Deregulierung am Arbeitsmarkt.

Finanzminister Klingbeil hingegen betont die Notwendigkeit staatlicher Investitionen und die soziale Abfederung der Transformation. Er verteidigt die schuldenfinanzierten Sondervermögen als notwendigen Hebel, um Wachstum überhaupt erst zu ermöglichen. Die Debatte innerhalb der Koalition dreht sich somit um die klassische Frage: Sparen und Reformieren (CDU-Ansatz) oder Investieren und Stützen (SPD-Ansatz)? Die aktuelle Prognosekorrektur gibt beiden Seiten Argumente, erhöht aber auch den Zwang zum Kompromiss. Die Verzögerungen bei der Umsetzung der Investitionen sind ein Punkt, an dem sich beide Minister einig sind: Es muss schneller gehen.

Kritik der Verbände und Opposition

Die Reaktionen aus der Wirtschaft auf die neue Prognose Wirtschaftswachstum 2026 fielen erwartungsgemäß kritisch bis alarmiert aus. Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) kommentierte die Zahlen mit nüchterner Härte: „Deutschland wächst, aber viel zu langsam.“ Hauptgeschäftsführerin Helena Melnikov nannte das prognostizierte Mini-Plus ein „ernüchterndes Signal“, das weit entfernt von dem sei, was der Standort eigentlich leisten könnte.

Ein Bündnis aus Verbänden und Unternehmen nutzte den Tag der Prognoseveröffentlichung sogar für bundesweite Kundgebungen, um auf die „dramatische Lage“ der deutschen Wirtschaft aufmerksam zu machen. Auch der Unions-Kanzlerkandidat der vergangenen Wahl (nun Kanzler Merz) und die FDP meldeten sich zu Wort, wobei die politische Konstellation hier interessant ist: Die CDU stellt nun selbst den Kanzler und die Wirtschaftsministerin, muss also Kritik an der eigenen Bilanz moderieren, während sie gleichzeitig auf das Erbe der Vorgängerregierung verweist.

Das IMK übte zudem Kritik an der Kommunikation der Regierung. Die ständigen öffentlichen Debatten über Einschnitte im Sozialstaat und das Aufschieben versprochener Entlastungen hätten zu einer massiven Verunsicherung in der Bevölkerung geführt. Diese Verunsicherung sei „Gift“ für die Konsumfreude und dämpfe die Binnennachfrage. Das Institut fordert, stattdessen eine Aufbruchstimmung zu erzeugen und die Binnennachfrage gezielt zu stärken, um den Abbau industrieller Kapazitäten aufzuhalten.

Divergierende Szenarien der Institute

Die Prognose der Bundesregierung von 1,0 Prozent bewegt sich im Mittelfeld der Erwartungen der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute, die jedoch in ihrer Risikobewertung durchaus Nuancen aufweisen.

    • IMK (Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung): Mit einer Prognose von 1,2 Prozent zeigt sich das IMK etwas optimistischer als die Regierung. Die Forscher setzen stärker auf die positiven Effekte der Reallohnerholung und die Impulse durch die Sondervermögen. Sie sehen jedoch auch erhebliche Abwärtsrisiken durch die Geopolitik.
    • Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung: Die „Wirtschaftsweisen“ sind skeptischer und prognostizieren lediglich ein Wachstum von 0,9 Prozent. Diese Einschätzung liegt leicht unter der Regierungsprognose und betont die strukturellen Wachstumshindernisse, die sich nicht kurzfristig beheben lassen.
    • ifo Institut: Das Münchner ifo Institut ist mit 0,8 Prozent noch zurückhaltender. Hier scheint man die Investitionszurückhaltung der Unternehmen und die Schwäche der Exportmärkte stärker zu gewichten.
    • DIW (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung): Das DIW spricht bildhaft davon, dass Deutschland in „Trippelschritten aus der Stagnation“ komme. Zwar weisen einige Tabellen des Instituts für 2026 Werte in anderen Kategorien aus, die Grundaussage deckt sich jedoch mit dem Bild einer mühsamen Erholung.

Diese Bandbreite der Prognosen von 0,8 bis 1,2 Prozent verdeutlicht die hohe Unsicherheit. Kleine Veränderungen in den Rahmenbedingungen – etwa eine Eskalation von Handelskonflikten oder ein unerwarteter Preisschock bei Energie – könnten das Pendel schnell in die eine oder andere Richtung ausschlagen lassen.

Detaillierte Betrachtung der strukturellen Defizite

Infrastruktur und Digitalisierung

Ein wiederkehrendes Thema in der Analyse der Wachstumsschwäche ist der Zustand der öffentlichen Infrastruktur. Trotz der bereitgestellten Mittel im Sondervermögen Infrastruktur leidet Deutschland unter einem jahrzehntelangen Investitionsstau. Marode Brücken, unzuverlässige Schienenwege und ein schleppender Ausbau der digitalen Netze bremsen die Produktivität. Die Logistik, eine Kernkompetenz des Standorts, wird durch diese Mängel in ihrer Leistungsfähigkeit beeinträchtigt.

Die Digitalisierung der Verwaltung kommt ebenfalls nur langsam voran. Die Bürokratie, die Unternehmen und Bürger belastet, ist oft noch papiergebunden und ineffizient. Finanzminister Klingbeil und Wirtschaftsministerin Reiche haben den Abbau von Bürokratie und die Beschleunigung von Planungsverfahren zur Priorität erklärt, doch die Umsetzung in den föderalen Strukturen ist zäh. Die „Deutschlandgeschwindigkeit“, die beim Bau von LNG-Terminals beschworen wurde, ist in der Breite der Verwaltung noch nicht angekommen.

Energiepreise und die Transformation

Die Energiewende bleibt eine Herkulesaufgabe. Die Bundesregierung muss den Spagat schaffen, die Energieversorgung sicher und bezahlbar zu halten, während gleichzeitig der Ausbau der Erneuerbaren Energien massiv vorangetrieben wird. Das IMK betont, dass ohne staatliche Unterstützung Fortschritte beim Klimaschutz kaum möglich seien, ohne die Energiepreise explodieren zu lassen. Der Industriestrompreis ist ein Instrument, um die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie in dieser Übergangsphase zu sichern, doch seine Finanzierung und Ausgestaltung bleiben politisch umstritten.

Die hohen Energiepreise sind nicht nur ein Kostenfaktor, sondern auch ein Standortnachteil im Wettbewerb um Neuansiedlungen. Zukunftsindustrien wie die Batteriezellfertigung oder die Wasserstoffwirtschaft benötigen riesige Mengen an grüner Energie zu wettbewerbsfähigen Preisen. Gelingt es Deutschland nicht, dieses Angebot bereitzustellen, droht eine Verlagerung dieser Zukunftsbranchen ins Ausland, wo Energie oft günstiger ist (z.B. USA, Skandinavien).

Quo vadis, Deutschland?

Die Senkung der Prognose Wirtschaftswachstum 2026 ist ein Weckruf. Sie macht deutlich, dass das Prinzip Hoffnung allein keine tragfähige Wirtschaftsstrategie ist. Deutschland befindet sich in einer fundamentalen Transformationsphase. Das alte Geschäftsmodell, das auf billiger Energie aus Russland und unbegrenzten Exportmöglichkeiten nach China basierte, ist unwiederbringlich zerbrochen.

Ein neues, tragfähiges Modell, das auf grünen Technologien, digitaler Innovation und einer diversifizierten Handelsstrategie fußt, ist erst in Ansätzen erkennbar. Das Jahr 2026 wird zum Übergangsjahr, in dem sich entscheiden muss, ob die eingeleiteten Maßnahmen greifen. Gelingt es der Regierung Merz, die Investitionsblockaden zu lösen und die privaten Unternehmen zu neuen Investitionen zu ermutigen? Kann die Kaufkraft der Bürger soweit gestärkt werden, dass der Binnenkonsum die Konjunktur trägt?

Die Antworten auf diese Fragen werden darüber entscheiden, ob die 1,0 Prozent Wachstum eine Untergrenze oder eine Obergrenze darstellen. Für den Rest des Jahres 2026 bleibt die Prognose volatil. Sollten sich die geopolitischen Spannungen verschärfen, könnte selbst das bescheidene Ziel von 1,0 Prozent in Gefahr geraten. Entspannt sich hingegen die Lage und greifen die staatlichen Impulse schneller als erwartet, besteht durchaus Potenzial für positive Überraschungen. Doch eines ist klar: Die Zeiten des automatischen Wachstums sind vorbei. Wohlstand muss in Deutschland wieder härter erarbeitet werden, unter schwierigeren Bedingungen und mit höherem Anpassungsdruck als in den vergangenen Jahrzehnten. Die „Trippelschritte“ aus der Stagnation sind der Beginn eines langen Marsches.

Faktenbox

Eckdaten: Prognose Wirtschaftswachstum 2026
Neue BIP-Prognose1,0 % (korrigiert von 1,3 %)
Wachstum Vorjahr (2025)0,2 %
Datum der Bekanntgabe28. Januar 2026
Inflationserwartungca. 2,0 % (Rückgang auf EZB-Zielwert)
Vergleichsprognosen InstituteIMK: 1,2 %

Sachverständigenrat: 0,9 %

ifo Institut: 0,8 %

Hauptursachen der KorrekturVerzögerte staatliche Investitionsimpulse, schwache globale Nachfrage, strukturelle Defizite (Bürokratie)