EU erklärt ChatGPT zur sehr großen Online-Suchmaschine

Die Europäische Kommission hat ChatGPT am 31. August 2026 als sehr große Online-Suchmaschine nach dem Digital Services Act eingestuft. Der Status ChatGPT VLOSE bringt OpenAI zusätzliche Pflichten für Risikobewertung, Transparenz und Aufsicht. Für Händler entstehen daraus zunächst keine neuen direkten Vorgaben, wohl aber eine schärfere Kontrolle eines wachsenden Zugangswegs zu Produkten, Angeboten und Werbung.

📌 Auf einen Blick

ChatGPT Search erreicht nach Angaben von OpenAI 159,1 Millionen durchschnittlich monatlich aktive Nutzer in der EU. OpenAI muss die zusätzlichen VLOSE-Pflichten laut Kommission bis Januar 2027 umsetzen; konkrete neue Händlerpflichten sind mit der Einstufung nicht verbunden.

ChatGPT VLOSE: Neue DSA-Pflichten ab 2027
ChatGPT VLOSE: Neue DSA-Pflichten ab 2027

ChatGPT VLOSE überschreitet die EU-Schwelle deutlich

Für die Einstufung als Very Large Online Search Engine, kurz VLOSE, gilt im Digital Services Act eine Schwelle von 45 Millionen durchschnittlich monatlich aktiven Nutzern in der Europäischen Union. OpenAI Ireland Limited meldete für die sechs Monate bis zum 31. März 2026 rund 159,1 Millionen Nutzer der Suchfunktionen von ChatGPT. Damit liegt die ausgewiesene Reichweite bei mehr als dem Dreifachen des Grenzwerts.

Die Mitteilung der Europäischen Kommission zur VLOSE-Einstufung von ChatGPT nennt eine viermonatige Übergangsfrist und verlangt die Umsetzung der zusätzlichen Pflichten bis Januar 2027. Die Kommission führt ChatGPT als benannten Dienst und OpenAI Ireland Limited als Anbieter. Die zugrunde liegende Reichweitenangabe von OpenAI bezieht sich allerdings ausdrücklich auf ChatGPT Search, also die Online-Suchfunktionen. Die noch nicht veröffentlichte formelle Entscheidung muss zeigen, wie die Kommission den erfassten Dienst im Einzelnen abgrenzt.

ChatGPT VLOSE muss systemische Risiken bewerten

Der neue Status ist mehr als ein regulatorisches Etikett. OpenAI muss systemische Risiken seines Dienstes und der dazugehörigen algorithmischen Systeme identifizieren, analysieren und bewerten. Dazu gehören die Verbreitung illegaler Inhalte sowie mögliche negative Auswirkungen auf Grundrechte, Minderjährige, öffentliche Sicherheit, Wahlen und das körperliche oder psychische Wohlbefinden. Die Bewertung muss mindestens jährlich und zusätzlich vor der Einführung von Funktionen erfolgen, die solche Risiken wesentlich beeinflussen können.

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Auf festgestellte Risiken müssen angemessene und wirksame Gegenmaßnahmen folgen. Der DSA nennt unter anderem Änderungen an Benutzeroberflächen, Moderationsverfahren, Algorithmen, Empfehlungssystemen und Werbetechnik. Hinzu kommen unabhängige jährliche Prüfungen, eine eigenständige Compliance-Funktion, erweiterte Transparenzberichte und Datenzugang für Aufsichtsbehörden sowie unter bestimmten Voraussetzungen für geprüfte Forscher. Bei Empfehlungssystemen muss mindestens eine Auswahlmöglichkeit angeboten werden, die nicht auf Profiling beruht. Für angezeigte Werbung ist ein öffentlich durchsuchbares Anzeigenarchiv vorgesehen.

Diese zusätzlichen Regeln ergänzen die bereits geltenden Grundpflichten des Digital Services Act. Die EU-Kommission ist für die verschärften Pflichten zur Beherrschung systemischer Risiken unmittelbar zuständig. Bei den übrigen DSA-Regeln teilt sie sich die Aufsicht mit den nationalen Behörden. Für OpenAI ist Irland der zuständige Digital Services Coordinator.

ChatGPT VLOSE rückt Produktsuche und Werbung in den Blick

Für den Onlinehandel ist entscheidend, dass die Risikobewertung ausdrücklich Empfehlungssysteme, andere algorithmische Systeme sowie die Auswahl und Darstellung von Werbung umfasst. ChatGPT zeigt bereits Produkte, Preise und Händlerangebote an. Das bestehende ChatGPT Shopping in Deutschland macht den Dienst damit zu einem vorgelagerten Auswahlpunkt im Kaufprozess: Produkte können aussortiert sein, bevor ein Nutzer überhaupt einen Shop oder Preisvergleich öffnet.

Aus der Einstufung folgt noch nicht, dass die Kommission nun bestimmte Händler-Rankings, Produktfeeds oder Shopping-Ergebnisse beanstandet. Es ist aber eine naheliegende redaktionelle Ableitung, dass Produktauswahl, Aktualität von Preisen, Darstellung konkurrierender Händler und mögliche Verzerrungen in die Risikoprüfung einbezogen werden können. Der DSA verlangt die Analyse der Funktionsweise relevanter Algorithmen, schreibt aber kein bestimmtes Rankingmodell für Händler vor.

Ähnliches gilt für Werbung. ChatGPT Ads ist für Unternehmen in Deutschland direkt buchbar und nutzt ein getrenntes Werbesystem. Für ChatGPT VLOSE bedeutet das zusätzliche Transparenz: Soweit Anzeigen auf der erfassten Oberfläche erscheinen, muss OpenAI unter anderem Angaben zu Werbeinhalt, Auftraggeber, Zahler, Laufzeit, Targetingparametern und Reichweite in einem Anzeigenarchiv zugänglich machen.

Für Händler entstehen noch keine neuen Pflichten

Die Benennung ChatGPT VLOSE richtet sich an OpenAI Ireland Limited, nicht an den einzelnen Händler, dessen Angebot in ChatGPT erscheint oder der dort Werbung schaltet. Die Einstufung schafft deshalb weder eine neue Registrierungspflicht für Händler noch eine besondere Pflicht, Produktdaten an die EU-Kommission zu melden. Unberührt bleiben allerdings bestehende Vorgaben, etwa zu Produktsicherheit, Verbraucherinformation, Datenschutz und Werbung.

Offen ist, wie die Kommission kommerzielle Suchfunktionen von ChatGPT VLOSE praktisch prüfen wird. Besonders relevant sind die Abgrenzung zwischen organischen Produktergebnissen und bezahlten Platzierungen, der Umgang mit Händler- und Produktdaten sowie mögliche Checkout-Funktionen. Solange die formelle Benennungsentscheidung nicht veröffentlicht ist und OpenAI keine erste VLOSE-Risikobewertung vorlegt, wäre jede konkrete Prognose über Änderungen an Rankings oder Händlerzugängen voreilig.

Aufsicht folgt der wachsenden wirtschaftlichen Bedeutung

Mit ChatGPT VLOSE erkennt die EU regulatorisch an, dass dialogbasierte KI-Suche eine Reichweite erreicht hat, die mit etablierten Suchdiensten vergleichbar ist. Für Händler liegt die unmittelbare Bedeutung weniger in neuen Formularen als in der Frage, nach welchen Regeln Produkte künftig gefunden, eingeordnet und beworben werden. Mehr Transparenz ist möglich, aber nicht automatisch garantiert. Entscheidend wird sein, welche Risiken OpenAI dokumentiert, welche Maßnahmen das Unternehmen daraus ableitet und wie konsequent die Kommission diese Angaben prüft.

Faktenbox

ChatGPT als sehr große Online-Suchmaschine
Benennung31. August 2026 als Very Large Online Search Engine
Gemeldete Reichweite159,1 Millionen durchschnittlich monatlich aktive Nutzer von ChatGPT Search in der EU
DSA-Schwelle45 Millionen durchschnittlich monatlich aktive Nutzer in der EU
UmsetzungsfristVier Monate nach Benennung, laut Kommission bis Januar 2027
AufsichtEU-Kommission und irischer Digital Services Coordinator nach jeweiliger Zuständigkeit