Digitale Souveränität im Zahlungsverkehr: Der mühsame Weg aus der Abhängigkeit von Visa und Mastercard
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In den geschäftigen Einkaufsstraßen von Paris, den digitalen Marktplätzen Berlins und den Touristenhochburgen Roms findet täglich ein stiller, aber gewaltiger Transfer von Kapital und Datenhoheit statt. Wenn ein europäischer Bürger an der Kasse sein Smartphone zückt oder eine Plastikkarte in das Terminal schiebt, erscheint der Vorgang als banalster Akt des modernen Konsums. Doch hinter dem kurzen Piepton verbirgt sich eine geopolitische und ökonomische Realität, die Strategen in Brüssel und Frankfurt zunehmend in Alarmbereitschaft versetzt.
Es ist die strukturelle Abhängigkeit von Visa und Mastercard, ein Zustand, der über Jahrzehnte als reine Bequemlichkeit hingenommen wurde, sich nun aber als systemisches Risiko ersten Ranges entpuppt. Die europäische Finanzinfrastruktur, das digitale Nervensystem der Realwirtschaft, liegt nicht in europäischen Händen. Während Energiefragen oft die Schlagzeilen beherrschen, bleibt die finanzielle Abhängigkeit von Visa und Mastercard im Zahlungsverkehr ein unterschätztes Einfallstor für geopolitische Erpressbarkeit und ökonomische Extraktion.
Die Dominanz der beiden US-Giganten ist das Ergebnis einer jahrzehntelangen Konsolidierung, technologischen Vorsprungs und der Fragmentierung des europäischen Bankensektors. Doch das geopolitische Klima hat sich gewandelt. Mit dem Ausschluss russischer Banken aus dem SWIFT-System wurde der Welt vor Augen geführt, dass Zahlungssysteme keine neutralen Infrastrukturen, sondern Instrumente der Machtprojektion sind. Die EZB warnt daher eindringlich davor, dass die heutige Abhängigkeit von Visa und Mastercard dazu führen könnte, dass europäische Zahlungsströme bei diplomatischen Spannungen als Druckmittel eingesetzt werden. Dieser Bericht analysiert die ökonomischen Kosten, die technischen Risiken und die ambitionierten Antworten Europas: die European Payments Initiative (EPI) mit Wero und den digitalen Euro.
Anatomie eines Duopols und der Status Quo
Um das Ausmaß der Abhängigkeit von Visa und Mastercard zu verstehen, muss man die Zahlen betrachten: Internationale Kartensysteme wickelten 2022 bereits rund 61 Prozent aller Kartentransaktionen im Euroraum ab. In 13 der 20 Euro-Länder gibt es gar kein eigenes nationales Kartensystem mehr. In Ländern wie Österreich oder Irland ist der Markt praktisch vollständig in der Hand der US-Duopolisten.
Noch drastischer ist die Situation im E-Commerce. Wenn ein deutscher Kunde mit einer Girocard online bezahlen möchte, geschieht dies oft über ein Co-Badging, wodurch die Transaktion letztlich doch über die US-Infrastruktur läuft. Im Jahr 2023 verarbeiteten beide Konzerne zusammen ein Zahlungsvolumen von rund 4,7 Billionen US-Dollar in Europa. Diese Allgegenwart macht sie zu einer unvermeidbaren Option für Händler, was deren Verhandlungsmacht de facto eliminiert und die Abhängigkeit von Visa und Mastercard zementiert.
Der technologische Graben und die Tokenisierung
Die Dominanz beruht auf technologischer Unverzichtbarkeit. Während europäische Banken sich auf nationale Lösungen wie die Girocard oder Bizum konzentrierten, fehlte diesen oft die grenzüberschreitende Interoperabilität. Diese Fragmentierung war der Nährboden für die heutige Abhängigkeit von Visa und Mastercard, da sie als einzige überall funktionierten.
Mit dem Rückzug von Maestro wird dieser Druck erhöht. Banken sind gezwungen, auf Debit-Produkte der US-Anbieter umzusteigen, um die internationale Einsatzfähigkeit zu gewährleisten. Ein weiterer Aspekt ist die Integration in mobile Wallets wie Apple Pay und Google Pay, die fast ausschließlich auf die Tokenisierungstechnologien der US-Netzwerke setzen. Diese Symbiose schafft ein Ökosystem, das die Abhängigkeit von Visa und Mastercard technisch tief in den Alltag der Bürger integriert.
Ökonomische Extraktion und Kosten der Abhängigkeit
Die EU deckelte 2015 die Interbankenentgelte, doch die Realität im Jahr 2025 zeigt, dass die Abhängigkeit von Visa und Mastercard weiterhin hohe Kosten verursacht. Händlerverbände berichten, dass die Gesamtkosten massiv gestiegen sind, da die Anbieter die sogenannten „Scheme Fees“ – Gebühren für die Infrastrukturnutzung – erhöht haben. Diese Gebühren stiegen zwischen 2018 und 2022 um fast 34 Prozent.
Für den Einzelhandel bedeutet die Abhängigkeit von Visa und Mastercard eine jährliche Belastung in Milliardenhöhe – EuroCommerce schätzt die Kosten auf rund 1,5 Milliarden Euro pro Jahr. Da die Kartennetzwerke als unverzichtbar gelten, können Händler die Akzeptanz nicht einfach verweigern.
Inflationsdruck durch Zahlungskosten
Letztlich zahlt der Verbraucher die Zeche, da Händler die Transaktionskosten in ihre Preise einkalkulieren. In einer Zeit inflationsbedingter Kaufkraftverluste wirkt die Abhängigkeit von Visa und Mastercard wie eine versteckte Steuer auf den Konsum. Da Bargeld rückläufig ist, gibt es für den Verbraucher kaum ein Entkommen, was zu einem stetigen Wohlstandstransfer hin zu US-amerikanischen Aktionären führt. Besonders teuer sind Transaktionen mit Geschäftskarten oder Karten von außerhalb des EWR, die nicht unter die EU-Deckelung fallen.
Geopolitisches Risiko und Waffe Finanzsystem
Der Krieg in der Ukraine hat die Illusion zerstört, dass private Zahlungssysteme neutral agieren. Der plötzliche Rückzug beider Unternehmen aus Russland zeigte: Wer die Zahlungssysteme kontrolliert, kann Volkswirtschaften per Knopfdruck isolieren. Für Europa stellt sich die Frage, was passiert, wenn politische Interessen zwischen den USA und der EU auseinandergehen. Die Abhängigkeit von Visa und Mastercard ist somit auch eine Frage der nationalen Sicherheit.
Datenhoheit und Überwachung
Jede Transaktion generiert Metadaten. Da beide Anbieter US-Unternehmen sind, unterliegen sie dem CLOUD Act, der US-Behörden potenziell Zugriff auf Daten gewährt – selbst wenn diese in Europa gespeichert sind. Die EZB argumentiert, dass ein souveränes Europa die Privatsphäre seiner Bürger nach eigenen Standards schützen muss, was durch die aktuelle Abhängigkeit von Visa und Mastercard erschwert wird.
Resilienz der Infrastruktur
Ein weiterer Aspekt ist die technische Resilienz. Wenn zentrale Knotenpunkte ausfallen, steht der europäische Einzelhandel still. Die Abhängigkeit von einer externen Infrastruktur, deren operative Steuerung außerhalb der Kontrolle europäischer Behörden liegt, ist ein systemisches Risiko.
Die europäische Antwort mit EPI und Wero
Erst als die Marktmacht erdrückend wurde, formierte sich mit der European Payments Initiative (EPI) Widerstand. Das Ziel ist eine Wallet-Lösung namens Wero, die auf Echtzeitüberweisungen basiert. Unterstützt von Schwergewichten wie der Deutschen Bank und BNP Paribas, soll Wero eine echte Alternative bieten, um die Abhängigkeit von Visa und Mastercard zu verringern.
Wero startete 2024 offiziell. Technisch basiert das System auf SEPA Instant Credit Transfer, was Händlern sofortige Liquidität verschafft, ohne dass Scheme Fees an die USA fließen.
Roadmap und Integration bestehender Systeme
Durch die Integration von Systemen wie iDEAL und Payconiq gewinnt Wero an Masse. Der Zeitplan ist aggressiv: Nach dem Start 2024 soll 2026 das Bezahlen an der Ladenkasse folgen. Doch der Erfolg hängt davon ab, ob die Verbraucher ihre Gewohnheiten ändern und die gewohnte Abhängigkeit von Visa und Mastercard aktiv durchbrechen.
Die wichtigsten Meilensteine von Wero
Gründungsphase und Strategiewechsel (2020–2023)
- 2020: Gründung der European Payments Initiative (EPI) mit dem Ziel, eine unabhängige europäische Zahlungslösung zu schaffen.
- Strategischer Schwenk: Ursprünglich als Kartenprojekt geplant, wechselte die Initiative strategisch auf eine reine Account-to-Account-Lösung (Wallet) basierend auf Echtzeitüberweisungen.
- 2023: Übernahme des niederländischen Marktführers iDEAL und des Zahlungsdienstleisters Payconiq (Belgien), um vom Start weg technische Infrastruktur und Nutzerbasis zu sichern.
Markteintritt und Basis-Funktionen (2024)
- Offizieller Start: Wero startete 2024 in den Kernmärkten Deutschland, Frankreich und Belgien.
- P2P-Zahlungen: Die erste freigeschaltete Funktion ermöglichte Zahlungen zwischen Privatpersonen (Geld senden per Handynummer).
- Erste E-Commerce-Schritte: In der zweiten Jahreshälfte begann der schrittweise Rollout für Zahlungen im Online-Handel.
- Durchbruch bei Apple: Apple verpflichtete sich, die NFC-Schnittstelle auf dem iPhone zu öffnen, was eine entscheidende Voraussetzung für die spätere Wero-Nutzung an Ladenkassen schuf.
- Nutzerwachstum: Bis Ende 2024 verzeichnete Wero bereits über 14 Millionen registrierte Nutzer.
Expansion und Integration (2025)
- Fokus Online-Handel: Verstärkter Ausbau der E-Commerce-Funktionalität als zentrales „Schlachtfeld“ gegen die hohen Gebühren von Visa und Mastercard.
- System-Migration: Beginn der technischen Integration und Migration der Nutzer von iDEAL (Niederlande) und Payconiq (Belgien) auf die Wero-Plattform.
Der Weg an die Ladenkasse (Planung 2026)
- Point of Sale (POS): Für 2026 ist der Start des Bezahlens an der physischen Ladenkasse geplant.
- NFC-Nutzung: Dank der regulatorischen Öffnung können Wero-Wallets nun direkt mit Terminals kommunizieren, ohne Umweg über Apple Pay.
Zusatzdienste: Geplante Integration von Kundenbindungsprogrammen, Ratenzahlungen und digitalen Identitäten, um die Attraktivität gegenüber reinen Kartenlösungen zu erhöhen.
Das Problem mit dem freundlichen Riesen: Der Faktor PayPal
Während Visa und Mastercard die Infrastruktur dominieren, hat sich mit PayPal ein weiterer US-Akteur als scheinbar unumgänglicher Intermediär zwischen Händler und Kunden geschoben. Für den Endkunden ist PayPal der Inbegriff der Bequemlichkeit, doch strategisch ist es Teil desselben Abhängigkeitskomplexes.
Auch PayPal ist ein US-Unternehmen, das Transaktionsdaten absaugt und europäische Händler mit hohen Gebühren belastet. Genau hier setzt Wero den entscheidenden Hebel an: Anders als PayPal, das als „Walled Garden“ fungiert und Geld oft erst in der eigenen Wallet parkt, basiert Wero auf direkten Konto-zu-Konto-Zahlungen ohne Umwege. Damit eliminiert Europa nicht nur die Gebühren für Visa und Mastercard, sondern macht auch den datenhungrigen Mittelsmann aus dem Silicon Valley überflüssig. Für die digitale Souveränität ist es nicht genug, nur die Kartennetzwerke zu ersetzen – auch die Dominanz der US-Wallets muss gebrochen werden.
Der Digitale Euro als staatliches Fundament
Während EPI privatwirtschaftlich ist, arbeitet die EZB am digitalen Euro als öffentliches Pendant zum Bargeld. Ein digitaler Euro wäre universell im gesamten Euroraum einsetzbar, unabhängig von US-Schemes. Sollten private Initiativen scheitern, garantiert der digitale Euro, dass Europa die Kontrolle über sein Geld zurückgewinnt und die Abhängigkeit von Visa und Mastercard beendet.
Regulatorische Schlachtfelder und Marktzugang
Ein wichtiger Sieg war die Einigung mit Apple im Jahr 2024: Apple öffnete die NFC-Schnittstelle auf dem iPhone für Drittanbieter. Das bedeutet, dass Wallets wie Wero nun direkt kontaktloses Bezahlen anbieten können, ohne Apple Pay und damit indirekt die Abhängigkeit von Visa und Mastercard nutzen zu müssen. Parallel dazu laufen neue Untersuchungen der EU-Kommission wegen der Scheme Fees, um zu prüfen, ob das Duopol seine Marktmacht missbraucht.
Der deutsche Sonderweg und die Girocard im Wandel
Deutschland nimmt mit der Girocard eine Schlüsselrolle ein. Doch mit dem Ende von Maestro stehen die Banken vor einer Wahl: Co-Badging mit US-Debitkarten oder die Evolution durch Wero. Wenn es gelingt, die Girocard-Nutzung in Wero zu überführen, hätte Deutschland eine mächtige Waffe gegen die Abhängigkeit von Visa und Mastercard.
Zukunftsszenarien bis 2030
In einem optimistischen Szenario sinkt der Marktanteil der US-Giganten bis 2030 signifikant. In einem pessimistischen Szenario scheitert Wero an der Bequemlichkeit der Nutzer, und Europa bleibt technologisch ein Vasall der US-Infrastruktur, voll exponiert gegenüber der Abhängigkeit von Visa und Mastercard.
Die Zeit der Entscheidung
Die Analyse zeigt eindeutig, dass die Abhängigkeit von Visa und Mastercard weit mehr als ein ökonomisches Ärgernis ist. Es ist eine strategische Verwundbarkeit. Die Jahre 2026 und 2027 werden entscheidend sein: Wenn Banken und Händler die neuen Systeme aktiv fördern, besteht eine Chance auf Souveränität. Es steht nicht weniger auf dem Spiel als die Fähigkeit Europas, im 21. Jahrhundert selbstbestimmt zu handeln.
Faktenbox
| Europas Zahlungsabhängigkeit & Gegenstrategien: Status Quo | |
|---|---|
| Marktdominanz | Visa und Mastercard wickeln 61 % aller Kartentransaktionen im Euroraum ab. |
| Nationale Systeme | In 13 von 20 Euro-Ländern existiert kein eigenes nationales Kartensystem mehr. |
| Finanzvolumen | Zusammen verarbeiteten die US-Konzerne 2023 rund 4,7 Billionen US-Dollar in Europa. |
| Kostenanstieg | Die unregulierten „Scheme Fees“ stiegen zwischen 2018 und 2022 um fast 34 %. |
| Wirtschaftliche Last | Geschätzte Mehrkosten für die europäische Wirtschaft: ca. [cite_start]1,5 Milliarden Euro jährlich. |
| Alternative Wero | Start 2024; bereits über 14 Millionen Nutzer (Ende 2024). Start an der Ladenkasse für 2026 geplant. |
| Digitaler Euro | Geplantes gesetzliches Zahlungsmittel der EZB; vollständige Einführung bis 2029 möglich. |