Rossmanns Konter gegen dm: Der Kampf um den digitalen Apothekenmarkt beginnt

Der deutsche Einzelhandel für Drogeriewaren steht vor einer der signifikantesten strategischen Erweiterungen der letzten Jahrzehnte. Was lange Zeit als Gerücht durch die Flure der Handelszentralen hallte, ist nun Gewissheit: Rossmann plant eigene Onlineapotheke. Diese Bestätigung aus der Unternehmenszentrale in Burgwedel bei Hannover markiert nicht nur eine operative Erweiterung des Sortiments, sondern einen fundamentalen Angriff auf die etablierten Strukturen des deutschen Apothekenmarktes.

Raoul Roßmann, Sprecher der Geschäftsführung der Dirk Rossmann GmbH, hat das Vorhaben offiziell verifiziert und damit eine neue Phase im Wettbewerb der Drogeriegiganten eingeläutet. Die Entscheidung erfolgt in einem Marktumfeld, das durch eine zunehmende Verschmelzung von stationärem Handel und E-Commerce, die Digitalisierung des Gesundheitswesens durch das E-Rezept und einen aggressiven Verdrängungswettbewerb gekennzeichnet ist.

Die Ankündigung ist dabei als direkte Reaktion auf den Hauptkonkurrenten dm zu werten, der bereits Ende 2025 einen ähnlichen Schritt vollzog. Doch die Strategie von Rossmann unterscheidet sich in wesentlichen Nuancen – insbesondere in der logistischen Ausrichtung über die Niederlande – von der des Mitbewerbers aus Karlsruhe.

Rossmanns Konter gegen dm: Der Kampf um den digitalen Apothekenmarkt beginnt
Rossmanns Konter gegen dm: Der Kampf um den digitalen Apothekenmarkt beginnt

Die offizielle Bestätigung und der „dm-Effekt“

Das Zitat, das den Markt bewegt

Die Kommunikation seitens der Rossmann-Führung war ungewöhnlich direkt. Auf Anfrage verschiedener Medien bestätigte Raoul Roßmann: „Wir beschäftigen uns so intensiv damit, dass ich Ihnen sagen kann: Die Online-Apotheke wird kommen“. Diese Aussage lässt keinen Interpretationsspielraum mehr zu. Während Unternehmen in frühen Planungsphasen oft vage bleiben, signalisiert diese Formulierung, dass die Entscheidung gefallen ist und der Prozess der Implementierung bereits läuft. Das Vorhaben wird intern als das „bestimmende Projekt für 2026“ klassifiziert.

Der Wettbewerbsdruck als Katalysator

Es ist unmöglich, die Nachricht isoliert zu betrachten. Sie steht in direkter kausaler Abhängigkeit zum Handeln des ewigen Rivalen dm. Der Marktführer aus Karlsruhe hatte bereits im Dezember 2025 seinen eigenen Online-Shop für apothekenpflichtige, rezeptfreie Medikamente („dm-med“) lanciert.

Raoul Roßmann gestand diesen Wettbewerbsdruck offen ein: „dm hat die Erwartungshaltung erhöht“. Diese Aussage ist bemerkenswert, da sie eine defensive Motivation offenbart. Rossmann agiert hier nicht primär als Innovator, sondern als „Fast Follower“, der gezwungen ist, das Service-Niveau des Wettbewerbers zu spiegeln, um keine Marktanteile bei der gesundheitsbewussten Zielgruppe zu verlieren. Handelsexperte Carsten Kortum analysiert die Situation treffend: „Rossmann kann sich diesem Trend kaum entziehen, wenn man relevant bleiben will“.

Logistische Architektur: Die Niederlande-Route

Während das Ziel – der Verkauf von Aspirin, Nasenspray und Co. – bei beiden Drogerieketten identisch ist, wählt Rossmann einen anderen operativen Weg als dm.

Niederlande vs. Tschechien

Die Nachricht enthält ein entscheidendes Detail: Das Angebot soll aus den Niederlanden heraus gesteuert werden.

    • dm-Strategie: Der Wettbewerber dm kooperiert mit Partnern in Tschechien und versendet aus einem dortigen Logistikzentrum.
    • Rossmann-Strategie: Rossmann orientiert sich in Richtung Niederlande.

Diese geografische Divergenz ist nicht zufällig. Die Niederlande sind historisch betrachtet das Herzstück des europäischen Versandapothekenmarktes. Die großen Player wie Redcare Pharmacy und DocMorris haben ihre gigantischen Logistikzentren in Orten wie Sevenum oder Heerlen. Durch die Wahl der Niederlande dockt Rossmann an ein etabliertes Ökosystem an, das über Jahrzehnte Erfahrung in der grenzüberschreitenden Pharmalogistik verfügt. Die Infrastruktur für „Last-Mile-Delivery“ nach Deutschland ist dort exzellent ausgebaut, was kurze Lieferzeiten ermöglicht.

Die Frage der Partnerschaft

Interessant ist der Hinweis, dass es sich um ein „Rossmann-eigenes Projekt“ handeln soll. Dennoch zwingt das deutsche Apothekenrecht Rossmann dazu, mit einer zugelassenen Apotheke im EU-Ausland zu kooperieren, da Rossmann als Kapitalgesellschaft in Deutschland keine Apotheke betreiben darf. Die Niederlande bieten hierfür ein liberales, aber europarechtlich konformes Umfeld.

Digitalstrategie: Die App als Gesundheitszentrale

Ein wesentlicher Erfolgsfaktor für das Projekt liegt in der digitalen Vertriebsstruktur. Rossmann muss keine Kunden mühsam über teure Google-Ads akquirieren, wie es reine Online-Apotheken tun müssen.

Hebelung der Bestandskunden

Die Rossmann-App spielt bei dem Vorhaben eine „zentrale Rolle“. Mit rund 11 Millionen Nutzerinnen und Nutzern verfügt die App über eine gewaltige Reichweite. Die Integration der Apothekenfunktion in diese bestehende App verwandelt das Smartphone der Kunden in eine mobile Gesundheitszentrale.

    • Seamless Shopping: Der Kunde kann Windeln (Drogeriesortiment) und Kopfschmerztabletten (Apothekensortiment) in einer Sitzung bestellen.
    • Data Driven Retail: Durch die App-Nutzung kennt Rossmann die Kaufhistorie seiner Kunden genau. Wer regelmäßig Babynahrung kauft, hat vermutlich auch Bedarf an Fiebersaft oder Wundschutzcreme.

Historischer Kontext: Der zweite Anlauf

Es ist nicht das erste Mal, dass Rossmann den Apothekenmarkt ins Visier nimmt. Eine historische Analyse zeigt, dass das Unternehmen aus Fehlern der Vergangenheit gelernt hat.

Das Scheitern mit der „Deutschen Internetapotheke“ (2011)

Bereits vor über einem Jahrzehnt versuchte Rossmann, im Versandhandel Fuß zu fassen. Bis 2011 kooperierte das Unternehmen mit der „Deutschen Internetapotheke“ (DIA). Diese Partnerschaft wurde jedoch beendet, da die Ergebnisse hinter den Erwartungen zurückblieben. Der Markt war damals noch nicht reif: Smartphones waren weniger verbreitet und das Vertrauen in den Online-Versand von Arzneimitteln war geringer. Der erneute Anlauf 2026 erfolgt unter völlig anderen Vorzeichen: Der Markt ist durch die Pandemie digital geschult und das E-Rezept ist Realität.

Strategiewechsel bei „Gesundheit Plus“

Ein weiterer Indikator für die Neuausrichtung ist der Umgang mit der Eigenmarke und dem Sortimentsbereich „Gesundheit Plus“. Berichte deuten darauf hin, dass Rossmann die separate Platzierung dieser Artikel zugunsten einer Integration in das normale Regal aufgibt. Dies signalisiert eine Normalisierung: Gesundheitsprodukte sind kein Nischensortiment mehr, sondern integraler Bestandteil des täglichen Bedarfs. Die Online-Apotheke ist die logische digitale Verlängerung dieser Strategie.

Das regulatorische Minenfeld: Fremdbesitzverbot und EU-Recht

Warum muss Rossmann überhaupt den Umweg über die Niederlande gehen? Die Antwort liegt im strengen deutschen Apothekenrecht.

Das Fremdbesitzverbot

In Deutschland gilt das sogenannte Fremdbesitzverbot. Das bedeutet: Nur ein approbierter Apotheker darf eine Apotheke besitzen und führen. Kapitalgesellschaften oder Drogerieketten ist der Besitz von Apotheken untersagt, um die Unabhängigkeit der pharmazeutischen Beratung zu schützen.

Das europäische Hintertürchen

Da Rossmann die Onlineapotheke nicht auf deutschem Boden realisieren kann, nutzt das Unternehmen die Dienstleistungsfreiheit der EU. Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat bestätigt, dass Versandapotheken aus dem EU-Ausland Medikamente an deutsche Endkunden senden dürfen. Rossmann agiert juristisch gesehen wahrscheinlich als Vermittler oder Plattform, die den Kunden an eine niederländische Partnerapotheke weiterleitet. Die Rechnungsstellung und der pharmazeutische Vertrag kommen zwischen dem Kunden und der niederländischen Apotheke zustande.

Marktumfeld und Wettbewerbsanalyse

Die Platzhirsche: DocMorris und Redcare Pharmacy

Mit dem Einstieg betritt Rossmann ein Terrain, das von zwei Giganten dominiert wird: Redcare Pharmacy und DocMorris. Diese reinen Online-Apotheken profitieren massiv vom E-Rezept. Rossmann hat jedoch einen entscheidenden Vorteil – die Frequenz. Während Kunden DocMorris aktiv aufsuchen müssen, haben sie die Rossmann-App ohnehin auf dem Handy.

Discounter in Lauerstellung

Die Nachricht hat auch bei den Lebensmittel-Discountern für Unruhe gesorgt. Berichte legen nahe, dass auch Lidl Gespräche führt und Chancen für einen OTC-Versand auslotet. Sollten Aldi und Lidl mit ihrer Preismacht einsteigen, droht ein Preiskampf, der die Margen für alle Beteiligten vernichten könnte.

Die Reaktion der Apothekerschaft (ABDA)

Die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) betrachtet die Entwicklung mit Sorge und warnt vor einer „Rosinenpickerei“. Drogerien und ausländische Versender würden sich die lukrativen OTC-Umsätze sichern, während die aufwendige Notdienstversorgung bei den stationären Apotheken verbleibe.

Ökonomische Analyse: Umsatz und Wachstum

Finanzielle Power

Rossmann agiert aus einer Position extremer finanzieller Stärke. Das Unternehmen meldete für das Geschäftsjahr 2025 einen Rekordumsatz von 16,6 Milliarden Euro (+8,5%). Mit einem hohen Investitionsvolumen hat Rossmann die nötigen Mittel, um die IT-Infrastruktur für die Online-Apotheke aus eigener Kraft zu stemmen.

Der OTC-Markt als Wachstumstreiber

Der Umsatz mit Medikamenten im Onlinehandel stieg zuletzt um sechs Prozent. Für Rossmann ist dies eine logische Sortimentserweiterung, um den Anteil am Geldbeutel des Kunden („Share of Wallet“) zu erhöhen.

Detaillierte Analyse der Marktdynamik

Der Treiber E-Rezept

Ein wesentlicher Faktor, warum das Thema jetzt Priorität hat, ist das E-Rezept. Die Einführung im Jahr 2024 hat die Hürden für den digitalen Medikamentenkauf drastisch gesenkt. Früher mussten Papierrezepte per Briefumschlag versendet werden – ein Medienbruch. Mit dem E-Rezept können Rezepte via App eingelöst werden, was den Markt massiv beflügelt hat.

Die Bedeutung der „Last Mile“

Ein kritischer Erfolgsfaktor wird die Logistik auf der letzten Meile sein. Die Logistikzentren in den Niederlanden sind darauf spezialisiert, Bestellfristen bis spät in den Abend zu verlängern, was eine Konkurrenz zur Geschwindigkeit von Amazon ermöglicht. Ob Rossmann zukünftig auch „Click & Collect“ für Medikamente in die Filiale anbieten wird, ist noch unklar, wäre aber ein logistischer Quantensprung.

Zukunftsausblick

Die Tatsache, dass Rossmann eine eigene Onlineapotheke plant, ist nur der Anfang einer umfassenden Transformation.

Verschmelzung der Kanäle

Bis 2030 könnte die Trennung zwischen Drogerie und Apotheke im Bewusstsein der Konsumenten für den Bereich der Selbstmedikation weitgehend verschwunden sein. Die App wird zum zentralen Health-Hub.

Ländlicher Raum

Da die Zahl der stationären Apotheken sinkt, könnten Online-Angebote von Rossmann und dm faktisch die Versorgungsfunktion im ländlichen Raum übernehmen. Was von der Apothekerschaft als Bedrohung gesehen wird, könnte für Bewohner strukturschwacher Regionen die einzige Möglichkeit sein, schnell und günstig an Medikamente zu kommen.

Der Einstieg von Rossmann ist strategisch zwingend. Das Unternehmen kann es sich nicht leisten, dem Wettbewerber dm dieses Feld zu überlassen. Die operative Umsetzung über die Niederlande verspricht logistische Effizienz. Für den Endverbraucher bricht eine Ära an, in der der Medikamentenkauf so alltäglich und einfach wird wie der Kauf von Shampoo.