Supermarkt-Apps im Test: Datenschutzmängel und Kaufanreize
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Die Nutzung digitaler Anwendungen des Lebensmitteleinzelhandels ist aus dem Alltag vieler Menschen in Deutschland nicht mehr wegzudenken. Laut einer aktuellen Untersuchung [PDF] des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzbv) vom Januar 2026 verwenden bereits 78 Prozent der Internetnutzer entsprechende Supermarkt-Apps für ihren Wocheneinkauf . Doch der Bericht der Verbraucherschützer offenbart deutliche Schattenseiten dieser Entwicklung. Im Zentrum der Kritik stehen undurchsichtige Datenschutzpraktiken und psychologische Tricks, die Kunden zu ungeplanten Ausgaben verleiten sollen. Die Analyse zeigt, dass die Apps nicht nur als digitale Einkaufszettel dienen, sondern gezielt als Marketinginstrumente eingesetzt werden, um Daten zu sammeln und das Konsumverhalten zu steuern.
Datenschutz bei Supermarkt-Apps oft intransparent
Ein Hauptkritikpunkt der Verbraucherschützer betrifft den Umgang mit persönlichen Daten. Wer von den Preisvorteilen profitieren möchte, wird bei fast allen Anbietern dazu gezwungen, ein Nutzerkonto anzulegen . Die Datenerhebung geht dabei oft weit über das Notwendige hinaus. Während einige Supermarkt-Apps lediglich eine E-Mail-Adresse verlangen, fordern andere, wie im Fall von Lidl beobachtet, zusätzlich die Angabe der Mobilfunknummer und des Geburtsdatums zur Verifizierung . Besonders datenhungrig zeigte sich im Test die Anwendung von Netto, die sogar Informationen zur Haushaltsgröße sowie zur Anzahl von Kindern und Haustieren abfragte .
Für Verbraucher entsteht durch diese Praxis ein Dilemma. Wer seine Daten nicht preisgeben möchte, bleibt von Rabatten ausgeschlossen und zahlt faktisch höhere Preise . Die Datenschutzhinweise in Supermarkt-Apps bieten dabei oft wenig Orientierung. Auf den kleinen Smartphone-Bildschirmen sind die komplexen Rechtstexte schwer lesbar, weshalb nur 18 Prozent der befragten Nutzer angaben, diese vollständig gelesen zu haben . Zudem sind wichtige Informationen zur Datenverarbeitung oft versteckt. Bei Edeka fanden die Tester die Einwilligung zur Personalisierung beispielsweise getrennt von der eigentlichen Datenschutzerklärung . Auch Weiterleitungen zu externen Partnern oder Gewinnspielen innerhalb der Apps können unbemerkt Datenflüsse an Dritte auslösen .
Wie Supermarkt-Apps das Kaufverhalten beeinflussen
Neben dem Datenschutz widmet sich der Bericht ausführlich den sogenannten „digitalen Ernährungsumgebungen“. Supermarkt-Apps nutzen verstärkt spielerische Elemente, auch Gamification genannt, um die Kundenbindung zu erhöhen. Funktionen wie Rabattsammler oder digitale Rubbellose suggerieren spielerische Gewinne, zielen aber auf eine Umsatzsteigerung ab . So bot Rewe zum Zeitpunkt der Untersuchung gestaffelte Rabatthöhen als „Bonus-Booster“ an, die Kunden belohnen, wenn sie bestimmte Einkaufswerte im Monat erreichen . Auch Lidl setzte auf ähnliche Mechanismen, bei denen das Erreichen von Stufen Gratisprodukte freischaltete .
Diese Strategien zeigen Wirkung. Laut der Befragung gaben 67 Prozent der Nutzer von Supermarkt-Apps an, in den letzten zwei Jahren Produkte gekauft zu haben, die sie eigentlich nicht benötigten, nur um einen Coupon zu aktivieren oder eine Bonusstufe zu erreichen . Besonders häufig werden in den Apps Süßigkeiten und Snacks beworben, was die Verbraucherschützer kritisch sehen . Die Kombination aus personalisierter Ansprache und Gamification führt dazu, dass 61 Prozent der Nutzer eine Veränderung ihres Einkaufsverhaltens durch Supermarkt-Apps bestätigen .
Rabattgestaltung und Preistransparenz
Ein weiteres Problemfeld ist die Darstellung der Preise. Supermarkt-Apps werben oft mit individuellen Coupons, die vor dem Einkauf aktiviert werden müssen . Dabei fehlt häufig die Angabe des Grundpreises (z. B. Preis pro Kilogramm), der für einen echten Preisvergleich gesetzlich eigentlich vorgeschrieben ist . Da es sich bei individuellen Preisnachlässen jedoch um eine Grauzone handeln kann, entfällt diese wichtige Vergleichsgröße oft. Drei Viertel der Nutzer empfinden fehlende Grundpreisangaben in Supermarkt-Apps als nachteilig .
Zudem variieren die Rabattmodelle stark. Während Lidl Rabatte meist direkt als Preisnachlass an der Kasse gewährt, schreibt Rewe den Vorteil oft als Guthaben für den nächsten Einkauf gut . Diese Komplexität erschwert es Verbrauchern, den tatsächlichen Wert eines Angebots einzuschätzen. Die Vielzahl an Bedingungen – etwa Mindesteinkaufswerte oder der Zwang zum Kauf mehrerer Produkte – macht die Nutzung von Supermarkt-Apps oft unübersichtlich .
Forderungen an Anbieter von Supermarkt-Apps
Angesichts der Ergebnisse fordert der Verbraucherzentrale Bundesverband klarere Regeln. Die Profilbildung zu Werbezwecken und der Einsatz manipulativer Designs in Supermarkt-Apps müssen stärker reglementiert werden. Es darf nicht sein, dass der Zugang zu fairen Lebensmittelpreisen von der Preisgabe sensibler persönlicher Daten abhängig gemacht wird. Auch die Transparenz bei Preisangaben innerhalb der Apps muss verbessert werden, um Verbrauchern einen echten Vergleich zu ermöglichen. Solange hier nicht nachgebessert wird, bezahlen Kunden die vermeintlichen Schnäppchen in Supermarkt-Apps weiterhin mit ihrer Privatsphäre.
Faktenbox
| vzbv-Bericht über Supermarkt-Apps | |
|---|---|
| Nutzungsquote | 78 % der Internetnutzer verwenden Supermarkt-Apps |
| Top 3 Anbieter | Lidl Plus (57 %), Rewe Bonus (47 %), Kaufland (42 %) |
| Zusatzkäufe | 67 % kauften mehr als geplant wegen App-Anreizen |
| Verhaltensänderung | 61 % geben an, ihr Einkaufsverhalten geändert zu haben |
| Datenschutz | Nur 18 % lesen Datenschutzhinweise vollständig |
| Beworbene Produkte | Am häufigsten Süßigkeiten und Snacks (18 %) |