Kahlschlag in der Innenstadt: Warum 2026 das Jahr der leeren Schaufenster wird
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Der deutsche Einzelhandel befindet sich zu Beginn des Jahres 2026 in einer historischen Zäsur. Was lange als zyklische Schwäche abgetan wurde, manifestiert sich nun als fundamentaler Strukturwandel, der unter dem Schlagwort Ladensterben Deutschland die physische Präsenz des Handels in den Innenstädten dauerhaft verändern wird.
Die Nachrichtenlage der letzten Monate zeichnet ein düsteres Bild: Traditionsreiche Namen wie Galeria (ehemals Karstadt Kaufhof) kämpfen nach der dritten Insolvenz um Relevanz, die Modekette Esprit hat ihre physische Präsenz in Deutschland vollständig aufgegeben, der Discounter KiK prüft massive Filialnetzbereinigungen, und selbst der als stabil geltende Lebensmitteleinzelhandel zeigt mit der Insolvenz von Feneberg erste Risse.
Die Datenlage ist eindeutig: Während die Gesamtzahl der Geschäfte unaufhaltsam auf die Marke von 300.000 zusteuert, findet eine brutale Auslese statt. Überleben werden voraussichtlich nur Konzepte, die entweder extreme Preisführerschaft (Discounter) oder extremen Erlebniswert (Experience Retail) bieten. Das dazwischenliegende Segment, das jahrzehntelang das Gesicht der deutschen Fußgängerzone prägte, droht im Zuge vom Ladensterben Deutschland ersatzlos wegzubrechen.
Makroökonomische Rahmenbedingungen und HDE-Prognose
Um die Welle der Filialschließungen zu verstehen, muss man zunächst den makroökonomischen Kontext betrachten. Der deutsche Einzelhandel operiert nicht im luftleeren Raum, sondern ist wie kaum eine andere Branche von der Konsumstimmung und den Betriebskosten abhängig.
Die HDE-Prognose: Ein anhaltender Abwärtstrend
Der Handelsverband Deutschland (HDE) hat für die Jahre 2025 und 2026 ernüchternde Zahlen vorgelegt, die das Ausmaß beim Ladensterben Deutschland untermauern. Für das Jahr 2025 prognostizierte der Verband die Schließung von rund 4.500 Geschäften. Zwar stellt dies eine leichte Verlangsamung gegenüber dem Vorjahr 2024 dar, in dem noch 5.000 Geschäfte ihre Türen für immer schlossen, doch der langfristige Trend ist alarmierend negativ.
Seit 2015 ist die Zahl der Einzelhandelsgeschäfte in Deutschland von über 370.000 auf voraussichtlich nur noch 300.000 zum Ende des Jahres 2025 gesunken. HDE-Präsident Alexander von Preen identifiziert hierfür zwei Hauptursachen, die das Ladensterben Deutschland antreiben:
- Anhaltend schwache Konsumstimmung: Die Reallohnverluste der Inflationsjahre haben sich tief in das Kaufverhalten eingebrannt. Der Kunde hält sein Geld zusammen, insbesondere bei nicht-essentiellen Gütern (Non-Food).
- Mangel an Nachfolgern: Ein oft unterschätzter Faktor ist die Demografie. Viele Inhaber kleinerer Fachgeschäfte finden schlichtweg keine Nachfolger. Selbst wirtschaftlich gesunde Betriebe müssen schließen, weil die nächste Generation andere Karrierewege einschlägt oder das unternehmerische Risiko im Einzelhandel scheut.
Die Insolvenzwelle zum Jahreswechsel 2025/2026
Der Jahreswechsel 2025/2026 markierte einen traurigen Rekord. Die Zahl der Firmenpleiten in Deutschland stieg 2025 um rund 25 Prozent und erreichte den höchsten Stand seit 20 Jahren. Steffen Müller, Leiter der IWH-Insolvenzforschung, sieht darin ein Spiegelbild der strukturellen Probleme der deutschen Wirtschaft.
Es trifft nicht mehr nur die „Zombies“ – Unternehmen, die nur dank Corona-Hilfen überlebten –, sondern kerngesunde Substanz. Die Kostenexplosion bei Energie, Personal und Mieten trifft auf eine stagnierende Umsatzentwicklung. Besonders im Modehandel führt dies zu einer tödlichen Zange, die das Ladensterben Deutschland beschleunigt: Die Margen sind zu gering, um die gestiegenen Fixkosten zu decken. Wer nicht über massive Skaleneffekte oder eine starke vertikale Integration verfügt, gerät in die Verlustzone.
Die Rolle der Politik
Der HDE fordert von der Politik „Strukturreformen“ und einen Bürokratieabbau, um dem Ladensterben Deutschland entgegenzuwirken. HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth warnt davor, dass ohne überzeugende Antworten der Bundesregierung das Jahr 2026 ebenfalls als „verlorenes Jahr“ enden könnte. Gefordert werden unter anderem flexiblere Arbeitszeiten, um mit dem 24/7-Angebot des Onlinehandels konkurrieren zu können, sowie eine Reform der Gewerbesteuer, die den stationären Handel derzeit überproportional belastet.
Der Kollaps der „Neuen Mitte“: Das Ende von Esprit
Das vielleicht symbolträchtigste Ereignis des aktuellen Strukturwandels ist das Verschwinden der Marke Esprit aus den deutschen Innenstädten. Esprit war jahrzehntelang der Inbegriff der bürgerlichen Mitte – modisch, aber nicht gewagt; bezahlbar, aber nicht billig. Das Scheitern dieses Modells steht exemplarisch für das Sterben des mittleren Preissegments im Kontext vom Ladensterben Deutschland.
Anatomie einer Abwicklung
Im August 2024 wurde das Unvorstellbare Gewissheit: Der Modekonzern Esprit kündigte die Schließung aller seiner verbliebenen 56 Filialen in Deutschland bis zum Jahresende an.
- Der Einschnitt: Rund 1.300 Mitarbeiter verloren ihren Arbeitsplatz. Betroffen waren nicht nur die Verkaufsmitarbeiter, sondern auch Personal in der Zentrale in Ratingen.
- Der Verkauf: Die Markenrechte für das europäische Geschäft wurden an den britischen Finanzinvestor Alteri verkauft. Alteri ist in der Branche kein Unbekannter; dem Investor gehört bereits die CBR Fashion Group mit den Marken Street One und Cecil.
- Das operative Ende: Entscheidend ist, dass Alteri nur die Marke, nicht aber das operative Geschäft übernahm. Die Filialen waren für den Investor offensichtlich wertlos – ein vernichtendes Urteil über die Rentabilität des stationären Geschäftsmodells von Esprit.
Die strategischen Fehler
Warum scheiterte Esprit, während Inditex (Zara) und H&M überlebten?
- Mangelnde Differenzierung: Die Marke verlor ihr Profil. Sie war zu teuer, um mit Primark oder Shein zu konkurrieren, bot aber gleichzeitig zu wenig Exklusivität oder Qualität, um sich gegen Premium-Marken oder vertikale Fast-Fashion-Giganten durchzusetzen.
- Träge Lieferketten: In einer Ära, in der Trends durch TikTok in Wochenzyklen entstehen und vergehen, waren die Kollektionszyklen von Esprit zu lang. Die Ware kam oft erst in die Läden, wenn der Trend bereits abgeflaut war, was zu hohen Abschriften (Rabatten) und Margenverfall führte.
- Die Großhandels-Falle: Esprit war stark abhängig vom Wholesale-Geschäft, also dem Verkauf über Warenhäuser wie Galeria. Mit dem Niedergang der Warenhäuser brach auch dieser Absatzkanal weg.
Der „Alvarez & Marsal“ Report
Eine Analyse der Beratung Alvarez & Marsal [PDF] zur deutschen Modebranche bestätigt, dass der Fall Esprit kein Einzelfall ist. Der Report spricht von einer „Erosion der Geschäftsmodelle“. Steigende Beschaffungskosten treffen auf unrentable Online-Kanäle. Viele Modehändler haben sich in den E-Commerce geflüchtet, ohne dort profitabel zu sein. Die hohen Retourenquoten und Logistikkosten fressen den Umsatz auf. Der Report warnte bereits im Oktober 2025, dass die Insolvenzzahlen die Höchststände der Finanzkrise 2009 übertreffen könnten – eine Prognose, die sich im Rahmen vom Ladensterben Deutschland bewahrheitet hat.
Das Warenhaus-Drama: Galerias Überlebenskampf
Das Warenhaus galt einst als Kathedrale des Konsums. Heute ist es das Sorgenkind der Innenstadtentwicklung und ein Hauptschauplatz für das Ladensterben Deutschland. Die Fusion von Karstadt und Kaufhof zu Galeria sollte die Rettung bringen, führte jedoch in eine Dauerkrise.
Die dritte Insolvenz und ihre Folgen
Anfang 2024 meldete Galeria Karstadt Kaufhof zum dritten Mal innerhalb von weniger als vier Jahren Insolvenz an. Das Management unter Olivier Van den Bossche versuchte, dies als „Befreiungsschlag“ von den Altlasten der Signa-Gruppe des Immobilieninvestors René Benko zu verkaufen. Benkos Imperium war kollabiert und riss die Warenhäuser, die oft unter extrem hohen Mieten in Signa-Immobilien litten, mit sich.
Die Streichliste
Im Rahmen des Insolvenzplans wurde im April 2024 die Schließung von zunächst 16 der verbliebenen 92 Filialen angekündigt. Die Liste der betroffenen Standorte liest sich wie ein „Who’s Who“ deutscher Einkaufsstädte und verdeutlicht die geografische Breite beim Ladensterben Deutschland:
- Berlin: Ringcenter, Spandau, Tempelhof.
- Nordrhein-Westfalen: Essen (Konzernzentrale am Limbecker Platz), Köln (Breite Straße), Wesel, Siegburg.
- Weitere: Augsburg, Chemnitz, Leonberg, Mainz, Mannheim, Oldenburg, Potsdam, Regensburg, Trier, Würzburg.
Nach intensiven Verhandlungen konnten einige Filialen gerettet werden, sodass die Zahl der definitiven Schließungen im August 2024 auf neun reduziert wurde. Doch für die betroffenen Städte wie Augsburg oder Essen hinterlässt jeder geschlossene Standort eine klaffende Wunde in der City.
Rebranding und Identitätsverlust
Unter den neuen Eigentümern NRDC Equity Partners und Bernd Beetz vollzieht das Unternehmen einen radikalen Schnitt. Die Traditionsnamen „Karstadt“ und „Kaufhof“ werden getilgt; alle Häuser firmieren nun nur noch unter Galeria.
- Strategische Absicht: Man will „alte Zöpfe abschneiden“ und die Verbindung zu den Pleiten der Vergangenheit kappen.
- Risiko: Damit gibt das Unternehmen Jahrzehnte an Markenhistorie auf. Für viele ältere Kunden war „der Karstadt“ eine Institution. Ob die Marke „Galeria“ allein genug Zugkraft besitzt, ist fraglich.
Management-Chaos 2026
Dass die Ruhe noch lange nicht eingekehrt ist, zeigen Meldungen vom Januar 2026. Der Finanzchef (CFO) Christian Sailer wurde abberufen. Sailer war eine Schlüsselfigur in den vorangegangenen Insolvenzverfahren. Sein Abgang und die Übergabe an Norman Krotten deuten darauf hin, dass die finanziellen Ziele unter den neuen Eigentümern möglicherweise verfehlt wurden oder unterschiedliche Auffassungen über den Sanierungskurs bestehen.
Alarm im Discount-Sektor: KiK am Scheideweg
Lange galt die Regel: In der Krise profitiert der Discounter. Wenn die Menschen sparen müssen, gehen sie zu Aldi, Lidl und KiK. Doch die aktuelle Kostenkrise hebelt diese Marktregel aus und zieht sogar Discounter in den Sog vom Ladensterben Deutschland. Auch „billig“ muss profitabel produziert und verkauft werden.
Das 400-Filialen-Gerücht
Im September 2025 schreckte ein Bericht der Immobilien Zeitung die Branche auf: Der Textildiscounter KiK prüfe die Schließung von bis zu 400 seiner rund 2.400 Filialen in Deutschland.
- Die Reaktion: KiK bestätigte die konkrete Zahl von 400 nicht offiziell, dementierte aber auch nicht, dass eine „Portfoliobereinigung“ stattfinde. Man prüfe regelmäßig die Wirtschaftlichkeit.
- Die Ursache: Für einen Discounter sind die Miete und die Personalkosten die größten Hebel. Wenn der Mindestlohn steigt (wie in Deutschland geschehen) und die Energiekosten für die Beleuchtung und Beheizung der oft großen Flächen explodieren, reicht die geringe Marge auf ein 3-Euro-T-Shirt nicht mehr aus, um den Standort profitabel zu betreiben.
Es handelt sich also nicht um ein Umsatzproblem, sondern um ein Kostenproblem, das das Ladensterben Deutschland in diesem Sektor befeuert.
Führungskrise
Parallel zu den Schließungsgerüchten verlor KiK seinen langjährigen Kapitän. CEO Patrick Zahn, der das Unternehmen fast ein Jahrzehnt geführt hatte, verließ den Konzern überraschend. Ihm folgte auch der COO Dirk Ankenbrand. Die Neuaufstellung mit Christian Kümmel (CFO) und Agnieszka Jaworska (CCO) im Jahr 2025/2026 zeigt, dass die Eigentümer (Tengelmann Gruppe) eine neue Strategie fordern. Der Fokus verschiebt sich von bedingungsloser Expansion hin zu strikter Profitabilität.
Das Ende des „Cocooning“: Die Krise bei Depot
Während der Pandemie erlebte die Einrichtungsbranche einen Boom. „Cocooning“ war das Schlagwort – die Menschen machten es sich zu Hause schön. Dieser Sondereffekt ist verpufft, und die Realität schlägt hart zurück, was das Ladensterben Deutschland auf den Einrichtungssektor ausweitet.
Insolvenz und Schrumpfkur
Im Juli 2024 meldete die Gries Deco Company, Muttergesellschaft von Depot, Insolvenz in Eigenverwaltung an.
- Schließungen: Bis Ende 2024 wurden mindestens 27 Filialen geschlossen. Medien spekulierten über bis zu 100 gefährdete Standorte.
- Logistik-Kosten: Depot ist extrem abhängig von Importen aus Asien. Die Frachtraten für Container, die sich seit der Krise im Roten Meer und anderen geopolitischen Spannungen auf hohem Niveau bewegen, treffen einen Händler von voluminösen Waren (Vasen, Kissen, Kleinmöbel) besonders hart. Der Transportanteil an den Gesamtkosten ist bei Deko-Artikeln disproportional hoch.
- Kaufzurückhaltung: Deko-Artikel sind das klassische „Nice-to-have“. Wenn das Budget für Lebensmittel und Heizung gebraucht wird, entfällt der Kauf der neuen Vase.
Der Fall Feneberg: Risse im Lebensmitteleinzelhandel
Die Insolvenz von Feneberg im Januar 2026 ist ein Warnschuss für eine Branche, die sich oft in falscher Sicherheit wiegte. Der Lebensmitteleinzelhandel (LEH) gilt als systemrelevant und krisenfest. Doch Feneberg zeigt, dass regionale Fürsten fallen können und das Ladensterben Deutschland auch vor Supermärkten nicht haltmacht.
Insolvenz trotz Edeka-Partnerschaft
Feneberg ist ein großer regionaler Partner der Edeka. Dennoch musste das Unternehmen mit über 70 Filialen und 3.000 Mitarbeitern in das Schutzschirmverfahren flüchten.
- Die Fleisch-Falle: Ein Hauptgrund war die defizitäre Fleischproduktionstochter Allgäu Fresh Foods. Der Fleischkonsum in Deutschland sinkt (ca. 52 kg pro Kopf). Große, eigene Produktionskapazitäten, die auf hohe Auslastung ausgelegt sind, werden bei sinkender Nachfrage zu gigantischen Fixkostenblöcken. Was früher ein Qualitätsmerkmal war („Fleisch aus eigener Schlachtung“), wurde zum finanziellen Grab.
- Pensionslasten: Feneberg drückten hohe Pensionsverpflichtungen. In Zeiten niedriger Zinsen waren diese Lasten buchhalterisch schwer, aber handhabbar. Im aktuellen Zinsumfeld und bei operativen Verlusten wurden sie untragbar.
- Kein „Too Big to Fail“: Dass die Edeka-Zentrale Feneberg in die Insolvenz gehen ließ (trotz vorheriger Darlehen), zeigt, dass auch im Genossenschaftssektor die Solidarität finanzielle Grenzen hat.
Auswirkungen auf die Stadtentwicklung: Der „Donut-Effekt“
Die Summe dieser Entwicklungen führt zu einer dramatischen Veränderung unserer Städte. Wenn Galeria als Ankermieter geht, Esprit als Frequenzbringer verschwindet, Depot die Deko-Nische räumt und KiK sich aus den Randlagen zurückzieht, entsteht Leerstand. Das Resultat ist ein sichtbares Zeichen für das Ladensterben Deutschland: der „Donut-Effekt“.
Die Abwärtsspirale
Ein leerstehendes Kaufhaus (oft 10.000 bis 20.000 Quadratmeter) lässt sich nicht einfach neu vermieten. Es entsteht ein „Schwarzes Loch“ in der Einkaufsstraße.
- Frequenzverlust: Ohne den Anker kommen weniger Kunden in die Stadt.
- Nachbarn sterben: Das kleine Café nebenan und die Boutique gegenüber verlieren ihre Laufkundschaft.
- Vandalismus und Attraktivitätsverlust: Verklebte Schaufenster ziehen Tagging und Müll an. Das subjektive Sicherheitsgefühl sinkt, was noch mehr Kunden vertreibt.
Konzepte für die Zukunft: „Zukunft Innenstadt“
Programme wie „Zukunft Innenstadt“ in Hessen versuchen gegenzusteuern. Die Lösung liegt laut Experten nicht in mehr Handel, sondern in anderem Handel und Nutzungsmischung.
- Mixed-Use: Ehemalige Kaufhäuser werden zu Hybriden umgebaut: Unten Lebensmittel und Gastronomie, in der Mitte Büros oder Co-Working, oben Wohnen oder eine öffentliche Bibliothek.
- Erlebnis statt Versorgung: Der reine Versorgungskauf („Ich brauche Socken“) wandert zu Amazon oder Zalando. Der stationäre Handel muss Erlebnisse bieten („Ich lasse mich inspirieren“), um dem Ladensterben Deutschland etwas entgegenzusetzen.
Theoretischer Ausblick: „Intelligent Retail“
Der Handelsexperte Prof. Dr. Gerrit Heinemann skizziert in seinen Analysen den Weg zum „Intelligent Retail“.
- Datenhoheit: Stationäre Händler müssen ihre Kunden so gut kennen wie Online-Händler. Ohne Datenerfassung am POS (Point of Sale) ist kein personalisiertes Angebot möglich.
- No-Line Commerce: Die Trennung von Online und Offline ist obsolet. Der Kunde erwartet, dass er online bestellte Ware im Laden abholen, anprobieren und bei Nichtgefallen sofort zurückgeben kann. Bestände müssen in Echtzeit sichtbar sein.
Wer nur „Waren verteilt“, wird verschwinden. Wer „Lösungen anbietet“ und den Einkaufsprozess durch Technologie (KI, Automatisierung) veredelt, hat eine Zukunft.
Abschied von der Mitte
Das Jahr 2026 wird als das Jahr der großen Bereinigung in die deutsche Handelsgeschichte eingehen. Die Filialschließungen bei Galeria, Esprit, KiK und Depot sind keine zufällige Häufung, sondern das Ergebnis einer tektonischen Verschiebung. Das Ladensterben Deutschland sortiert den Markt neu: Das „Mittelfeld“ stirbt. Übrig bleiben die Spezialisten, die Discounter (sofern sie ihre Kosten im Griff haben) und die Luxusanbieter.
Für die Verbraucher bedeutet dies: Die Innenstadt wird sich wandeln. Sie wird weniger ein Ort des reinen Warenkaufs sein und mehr ein Ort der Begegnung, Dienstleistung und Gastronomie werden müssen. Für die Beschäftigten im Handel bleibt die Unsicherheit hoch. Der Arbeitsmarkt im Einzelhandel schrumpft, während neue Kompetenzen (IT, Logistik, Service) gefragt sind. Die Politik ist gefordert, die Rahmenbedingungen (Baurecht, Steuerrecht, Arbeitsrecht) so anzupassen, dass dieser Wandel nicht als unkontrollierter Zusammenbruch, sondern als geordnete Transformation erfolgen kann.
Die Krise im Überblick
Die Psychologie des Konsumenten 2026
Ein wesentlicher Treiber beim Phänomen Ladensterben Deutschland ist die tiefgreifende Veränderung in der Konsumentenpsychologie. Studien und das HDE-Konsumbarometer zeigen, dass das Vertrauen der Verbraucher nachhaltig erschüttert ist.
- Sparzwang vs. Erlebnishunger: Während bei Urlaubsreisen und Gastronomie noch eine gewisse Zahlungsbereitschaft besteht („Nachhol-Effekte“), wird bei materiellen Gütern extrem gespart.
- Smart Shopping: Der deutsche Konsument ist zum Schnäppchenjäger geworden. Apps, Preisvergleichsportale und Rabattaktionen steuern die Fußgängerströme. Wer nicht „Best Price“ bietet, muss „Best Experience“ bieten. Das „Normal-Angebot“ wird ignoriert.
Logistik und Lieferketten als stiller Killer
Der Fall Depot und auch die Probleme im Modehandel verdeutlichen die Verletzlichkeit globaler Lieferketten.
- Frachtraten: Die Kosten für einen 40-Fuß-Container aus China schwanken massiv. Für Händler mit niedrigpreisigen, voluminösen Waren (Kissen, Körbe, Deko) kann eine Verdopplung der Frachtrate die gesamte Marge vernichten.
- Vorfinanzierung: Händler müssen Ware oft Monate im Voraus bezahlen. Wenn der Abverkauf stockt (wegen Konsumflaute), ist das Kapital gebunden. Liquiditätsengpässe sind die Folge, die schließlich zur Insolvenz führen.
Die Rolle der Immobilienwirtschaft
Die Krise des Einzelhandels ist untrennbar mit einer Krise der Gewerbeimmobilien verknüpft.
- Wertberichtigungen: Immobilienfonds müssen ihre Assets neu bewerten. Ein Kaufhaus, das früher eine sichere „Mietmaschine“ war, ist heute ein Risiko-Asset. Die Abwertung der Immobilienbilanzen führt dazu, dass Investoren kein Geld mehr für notwendige Modernisierungen haben.
- Mietmodelle der Zukunft: Der HDE und Experten fordern seit langem umsatzbezogene Mieten statt starrer Fixmieten. Nur wenn Vermieter und Mieter im „selben Boot“ sitzen, kann der stationäre Handel überleben. In der Praxis scheitert dies oft noch an den Finanzierungsvorgaben der Banken, die fixe Cashflows sehen wollen.
Ausblick: Welche Städte überleben?
Die Polarisierung trifft nicht nur Händler, sondern auch Kommunen.
- A-Städte (München, Hamburg, Berlin): Werden weiterhin funktionieren, da Tourismus und Kaufkraft stark genug sind. Doch auch hier wandeln sich die 1A-Lagen.
- B- und C-Städte: Hier ist die Gefahr der Verödung durch das Ladensterben Deutschland am größten. Wenn in einer Mittelstadt der letzte große Magnet (z.B. ein Galeria oder C&A) schließt, kippt das gesamte Ökosystem. Hier sind aggressive stadtplanerische Eingriffe (Rückbau von Handelsflächen, Begrünung, Kultur) überlebenswichtig.
Das Jahr 2026 markiert somit nicht das Ende des Handels, sondern das Ende einer bestimmten Form des Handels. Die „Versorgungsstadt“ des 20. Jahrhunderts weicht der „Erlebnisstadt“ des 21. Jahrhunderts – ein schmerzhafter, aber unaufhaltsamer Prozess.
Faktenbox
| Ladensterben Deutschland: Die Krise in Zahlen (2024–2026) | |
|---|---|
| HDE-Prognose Schließungen 2025 | Rund 4.500 Geschäfte |
| Entwicklung Gesamtbestand | Rückgang von > 370.000 (2015) auf voraussichtlich < 300.000 (2026) |
| Firmenpleiten 2025 | Anstieg um ca. 25 % (Höchststand seit 20 Jahren) |
| Fallbeispiel Esprit | Schließung aller 56 deutschen Filialen Ende 2024 |
| Fallbeispiel Galeria | 9 Filialschließungen im August 2024 (ursprünglich 16 geplant) |
| Fallbeispiel Depot | Mindestens 27 geschlossene Filialen bis Ende 2024 |
| Situation KiK | Prüfung von bis zu 400 Filialen (Stand Sep. 2025) |
| Hauptursachen | Konsumflaute, fehlende Nachfolger, steigende Kosten (Miete, Personal, Energie) |
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