Lieferketten unter Stress: Firmen beschleunigen Standortwechsel

Die aktuelle Analyse von Deloitte und dem Bundesverband der deutschen Industrie zeigt: Die Zollpolitik der vergangenen Monate hat die Verlagerung zentraler Wertschöpfungsbereiche aus Deutschland spürbar beschleunigt. Mehr Unternehmen als zuvor verlagern Produktion, Entwicklung und Forschung ins Ausland, während gleichzeitig die Kosten zur Absicherung der Lieferketten weiter steigen.

Zollpolitik beschleunigt Abwanderung der Industrie
Zollpolitik beschleunigt Abwanderung der Industrie

Zollpolitik erhöht den Druck auf die Industrie

Die Unternehmensbefragung im Rahmen des Supply Chain Pulse Check macht deutlich, dass die Zollpolitik erheblich zur Abwanderung beiträgt. Aktuell geben 19 Prozent der Unternehmen an, ihre Produktion bereits ins Ausland verlagert zu haben – ein Anstieg um acht Prozentpunkte im Vergleich zu 2023. Besonders betroffen sind Branchen wie Automobilindustrie, Technologie, Maschinenbau, Energie und Chemie.

Auch in anderen Bereichen verstärkt sich die Verlagerungsdynamik. Entwicklungsabteilungen wurden bereits von 17 Prozent der Unternehmen ins Ausland gebracht, die Forschung von 13 Prozent und die Endmontage von 18 Prozent. Die Zahlen zeigen, dass Unternehmen zunehmend komplette Wertschöpfungsketten neu strukturieren, um Kosten zu reduzieren und regulatorische Unsicherheiten zu umgehen.

Zollpolitik führt zu massiven Mehrkosten in Lieferketten

Parallel zur Abwanderung steigen die Kosten in den Lieferketten deutlich an. Zwei Drittel der Unternehmen berichten, dass die Zollpolitik die Beschaffungskosten erhöht hat. Bei 53 Prozent sind die Kosten für die Absicherung der Lieferketten etwas gestiegen, während 39 Prozent starke oder sehr starke Anstiege verzeichnen.

Hinzu kommt eine spürbare Belastung der Margen: 53 Prozent der befragten Unternehmen melden sinkende Erträge. Auch die Verwaltungsausgaben steigen – 52 Prozent sehen erhöhte Aufwände, um neue regulatorische Anforderungen zu erfüllen.

Die Mehrheit der Unternehmen sieht sich zudem mit wachsenden Risiken konfrontiert. Der globale Protektionismus erschwert den Zugang zu Märkten und verlängert Lieferzeiten. Viele Firmen versuchen daher, ihre Lieferketten robuster und zugleich flexibler aufzustellen.

Unternehmen planen umfassende Neuverortung ihrer Wertschöpfung

Die Studie zeigt auch einen klaren Ausblick: In den kommenden zwei bis drei Jahren erwarten 43 Prozent der Unternehmen, ihre Produktion neu zu verorten. Das ist ein deutlicher Anstieg gegenüber den 33 Prozent, die diesen Schritt vor zwei Jahren planten.

Noch deutlicher werden die Perspektiven im Bereich der Forschung und Entwicklung. 30 Prozent planen eine Verlagerung der Entwicklung ins Ausland, 35 Prozent sehen die Forschung künftig außerhalb Deutschlands. Diese geplanten Maßnahmen zeigen, dass die Zollpolitik nicht nur kurzfristige Anpassungen auslöst, sondern strukturelle Veränderungen in der industriellen Basis Deutschlands befeuert.

Wohin wandert die Industrie ab?

Die bevorzugten Standorte liegen überwiegend in anderen industriestarken Regionen:

    • 30 Prozent der Unternehmen verlagern nach Europa
    • 26 Prozent in die USA
    • 19 Prozent nach Asien (ohne China)
    • 16 Prozent direkt nach China
    • 14 Prozent nach Indien

Gleichzeitig gibt es einzelne Rückverlagerungen: 9 Prozent der Unternehmen holten Produktion aus China zurück nach Europa, 7 Prozent aus den USA.

Die Motive für die Standortwahl variieren – von niedrigeren Produktionskosten über planbare regulatorische Rahmenbedingungen bis hin zu strategischen Überlegungen zur Kundennähe.

Digitalisierung der Lieferketten bleibt ein ungelöstes Problem

Während die Zollpolitik neue Risiken schafft, könnten moderne Technologien viele dieser Herausforderungen abmildern. Doch die Realität zeigt eine deutliche Lücke zwischen Potenzial und Umsetzung.

54 Prozent der Unternehmen sehen in KI ein starkes oder sehr starkes Instrument zur Optimierung ihrer Lieferketten. 65 Prozent erkennen großes Potenzial im Bestandsmanagement, und 58 Prozent erwarten deutliche Effizienzsteigerungen. Dennoch setzt weniger als die Hälfte der Betriebe digitale Frühwarnsysteme ein, und nur 34 Prozent nutzen KI zur aktiven Planung der Supply Chain.

Damit bleibt ein zentraler Hebel weitgehend ungenutzt – obwohl umfassend digitalisierte Wertschöpfungsketten ein schlüssiger Baustein wären, um Risiken der Zollpolitik abzufedern.

Zollpolitik als Standortfaktor mit Langzeitwirkung

Die aktuelle Lage zeigt deutlich: Die Zollpolitik hat sich zu einem entscheidenden Standortfaktor für die deutsche Industrie entwickelt. Sie beeinflusst Kosten, strategische Entscheidungen und die langfristige Struktur der Wertschöpfung.

Sollte der Protektionismus weiter zunehmen, dürfte die Industrieabwanderung weiter Fahrt aufnehmen. Unternehmen, die frühzeitig digitalisieren, diversifizieren und in strategische Standortentscheidungen investieren, könnten ihre Widerstandsfähigkeit gegenüber globalen Schocks besser sichern. Ohne diesen Schritt drohen anhaltende Kostensteigerungen und zusätzliche Risiken in ohnehin angespannten Lieferketten.

Zollpolitik und Industrieabwanderung
Unternehmen, die nicht mehr in Deutschland produzieren19 % (plus 8 Prozentpunkte seit 2023)
Geplante Produktionsverlagerungen in 2–3 Jahren43 % der befragten Unternehmen
Steigende Beschaffungskosten durch Zollpolitik66 % der Unternehmen
Anstieg der Lieferkettenabsicherung53 % leicht, 39 % stark oder sehr stark
Unternehmen, die KI zur Supply-Chain-Planung nutzen34 %