Freihandelsoffensive der EU: ifo-Studie sieht deutliches Wachstumspotenzial

Eine neue Analyse des ifo Instituts im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) zeigt, dass eine umfassende Freihandelsoffensive der EU nicht nur die aktuellen Belastungen durch die protektionistische US-Handelspolitik ausgleichen könnte, sondern darüber hinaus beträchtliche Wachstumseffekte für die deutsche Wirtschaft erzeugen würde.

Eine gezielte Ausweitung des EU-Netzwerks an Handelsabkommen, vor allem mit sieben wirtschaftlich relevanten Partnerstaaten, eröffnet laut Studie ein zusätzliches Wachstumspotenzial von bis zu einem Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts. Die Untersuchung entstand im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) und basiert auf umfangreichen Modellrechnungen des ifo Handelsmodells, das die ökonomischen Effekte verschiedener handelspolitischer Szenarien abbildet.

Freihandelsoffensive der EU: ifo-Studie sieht deutliches Wachstumspotenzial
Freihandelsoffensive der EU: ifo-Studie sieht deutliches Wachstumspotenzial

Belastungsfaktor US-Zölle – Rückgänge in Exporten und Wertschöpfung

Die Studie zur Freihandelsoffensive der EU beschreibt zunächst die Wirkung der in der zweiten Amtszeit Donald Trumps eingeführten US-Zölle. Die Modellrechnungen weisen darauf hin, dass das deutsche BIP unter diesen Bedingungen im mittleren Bereich um 0,13 Prozent sinkt. Besonders stark betroffen sind dabei jene Branchen, die traditionell eng mit der US-Wirtschaft verflochten sind. Die Ausfuhren deutscher Unternehmen in die Vereinigten Staaten gehen in der Projektion deutlich zurück, wobei die Industrie insgesamt die stärksten Einbußen verzeichnet.

Im Maschinenbau entsteht ein besonders spürbarer Rückgang, während auch die Automobilindustrie starke Belastungen erfährt. Die Exportverringerungen bleiben jedoch nicht auf die USA beschränkt. Auch die Ausfuhren nach China gehen zurück, da die Handelsbeschränkungen indirekt die chinesische Wirtschaftsaktivität dämpfen und die Nachfrage nach deutschen Vorprodukten schwächen. Die Studie zeigt, dass sich innerhalb des EU-Binnenmarkts zwar geringfügige Handelsumlenkungseffekte ergeben, diese aber nicht ausreichen, um die Belastungen vollständig zu kompensieren. Die deutsche Industrie verzeichnet unter dem Strich einen deutlichen Verlust an Wertschöpfung, während Dienstleistungen durch kompensierende Nachfrageeffekte leicht zulegen.

Wirkung der Freihandelsoffensive der EU – Substanzieller Wachstumsimpuls

Deutlich positiver fallen die Ergebnisse jener Szenarien aus, in denen die Europäische Union neue Handelsabkommen mit den sogenannten P7-Staaten abschließt, also mit Mercosur, Indien, Malaysia, Indonesien, Thailand, Australien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Die ifo-Studie errechnet, dass selbst einfache Abkommen, die nur moderate nichttarifäre Handelshemmnisse abbauen, zu einem messbaren Wachstumsschub führen. In diesem Szenario steigt das deutsche BIP um rund ein Viertel Prozentpunkt, womit die Effekte der US-Zölle bereits vollständig ausgeglichen sind.

Tiefergehende Abkommen, die umfassendere Handelserleichterungen ermöglichen, führen zu einem noch deutlich höheren Wachstum. Die Studie [PDF] beziffert den Effekt auf bis zu 0,52 Prozent des BIP, was einem jährlichen Wohstandsgewinn von rund 21,6 Milliarden Euro entspricht. Damit entwickeln sich die P7-Abkommen zu einem klaren Netto-Vorteil für Deutschland, selbst wenn die USA ihre protektionistische Politik fortsetzen.

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Im Mittelpunkt der positiven Ergebnisse stehen die Exportdynamik und die bessere Integration deutscher Unternehmen in internationale Wertschöpfungsketten. Die Exporte in die P7-Staaten wachsen laut Simulation zum Teil zweistellig, was die Handelsverluste in den USA und China nicht nur ausgleicht, sondern überkompensiert. Gleichzeitig trägt der vereinfachte Zugang zu Vorleistungen in diesen Ländern dazu bei, dass deutsche Unternehmen ihre Wettbewerbsfähigkeit auch in Märkten mit erhöhten Zollbarrieren zumindest teilweise erhalten können.

Industrie als Hauptprofiteur – strukturelle Vorteile in Schlüsselbranchen

Die sektoralen Ergebnisse der Studie zur Freihandelsoffensive der EU zeigen, dass die Freihandelsoffensive der EU ein klares industriepolitisches Signal setzt. Die Wertschöpfung in der deutschen Industrie steigt im Falle umfassender Abkommen auf breiter Basis. Besonders stark profitieren die exportintensiven Bereiche Maschinenbau, Automobilindustrie, Chemie, Pharma und der sonstige Fahrzeugbau. Diese Branchen erzielen laut Modellrechnungen Zuwächse, die von etwa zwei bis über sechs Prozent reichen.

Die zugrunde liegende Mechanik ist eindeutig: Handelsabkommen erleichtern den Marktzugang in aufstrebende Märkte, senken Importkosten für Vorprodukte und erhöhen die Produktionsmöglichkeiten entlang globaler Wertschöpfungsketten. Branchen mit strukturellen Nachteilen – etwa Textilien oder Teile der Landwirtschaft – verzeichnen dagegen Rückgänge, wobei diese gemäß der Studie im Agrarsektor überschätzt sein dürften, da das Szenario eine vollständige Zollliberalisierung annimmt, die politisch kaum realistisch ist.

Verstärkte Wirkung ohne US-Protektionismus und Potenzial durch ein EU-USA-Abkommen

Die ifo-Analyse untersucht zusätzlich ein Szenario, in dem die USA ihre jüngsten Handelsbeschränkungen nicht einführen. In diesem Fall fällt der positive Effekt einer europäischen Freihandelsoffensive noch größer aus. Die deutschen Exporte würden deutlich stärker wachsen, und das BIP-Plus läge bei einer umfassenden Liberalisierung der P7-Beziehungen bei rund 0,6 Prozent.

Ein drittes Szenario erweitert die Freihandelsoffensive um ein zusätzliches Handelsabkommen zwischen der EU und den USA. Dieses Szenario erzeugt die stärksten positiven Effekte. Die EU erhielte in diesem Fall einen doppelten Vorteil, da europäische Unternehmen sowohl von reduzierten US-Zöllen profitieren als auch von der Tatsache, dass Wettbewerber aus Drittstaaten weiterhin erhöhten Zöllen unterliegen. Die deutschen Exporte in die USA würden laut Modell um mehr als siebzig Prozent steigen. Gleichzeitig würden die Gesamt­exporte Deutschlands um bis zu acht Prozent wachsen, was zu einem gesamtwirtschaftlichen BIP-Anstieg von bis zu einem Prozent führt.

Wirtschaftspolitischer Ausblick – Freihandel als strategisches Instrument

Nach Einschätzung der Studie hat eine Freihandelsoffensive der EU nicht nur eine kurzfristige, sondern vor allem eine strukturelle Bedeutung. Sie stärkt die strategische Position Europas und erhöht die Widerstandsfähigkeit des deutschen Wirtschaftsmodells gegenüber geopolitischen Handelsschocks. INSM-Geschäftsführer Thorsten Alsleben sieht darin einen notwendigen Schritt, um die strukturellen Herausforderungen der deutschen Volkswirtschaft zu adressieren. Er argumentiert, dass Freihandel derzeit der wirkungsvollste Wachstumsimpuls sei, während innenpolitische Reformen nur verzögert Wirkung entfalten. Aus dieser Perspektive drängt sich laut Alsleben die Frage auf, weshalb die EU bei der Umsetzung neuer Abkommen nicht deutlich schneller vorankommt.

Faktenbox

Freihandelsoffensive der EU
BIP-Effekt P7-Abkommen (einfach)+0,24 % gegenüber dem US-Zollszenario
BIP-Effekt P7-Abkommen (tief)+0,52 % gegenüber dem US-Zollszenario
Maximaler Gesamteffekt mit EU–USA-Abkommen+0,7 bis +1,0 % laut Szenario 3
Wohlstandsgewinn bei tiefen P7-Abkommenbis zu 21,6 Mrd. Euro bzw. 259 Euro pro Einwohner
Negativer Effekt der neuen US-Zölle (Trump 2.0)–0,13 % BIP, –1,3 % Gesamtexporte
Rückgang der deutschen Exporte in die USA–15 %, in der Automobilindustrie teilweise über –20 %
Rückgang der deutschen Exporte nach China–8 %, bedingt durch indirekte Nachfrageeffekte
Exportanstieg durch P7-Abkommen (einfach)+1,7 % im Gesamtexport
Exportanstieg durch P7-Abkommen (tief)+4,1 % im Gesamtexport
Exportanstieg in P7-Staaten bei tiefen Abkommenüber +16 %, je nach Land und Sektor höher
Exportanstieg in die USA mit EU–USA-Abkommenüber +70 %, kombiniert mit P7-Abkommen
Auswirkung auf deutsche Industrie (tiefes P7-Abkommen)+1,8 % Wertschöpfung
Wachstumsimpulse im Maschinenbau+2,7 % Wertschöpfung
Wachstumsimpulse in der Chemieindustrie+3,1 % Wertschöpfung
Wachstumsimpulse in der Automobilindustrie+3,2 % Wertschöpfung
Stärkste sektorale GewinnerPharmaindustrie mit +6,6 %, sonstiger Fahrzeugbau mit +8,2 %
Sektor mit strukturellem RückgangLandwirtschaft und Bergbau mit ca. –2 % (modellbedingt überschätzt)
Anteil der P7 am weltweiten Warenexport 202311,6 %, gegenüber 7,8 % im Jahr 1995
Anteil der P7 am deutschen Extra-EU-Handelrund 6–8 % je nach Export-/Importseite
Wirtschaftliches Potenzial der P7stark wachsend, besonders Indien und VAE
Zeitraum der Modellwirkungifo-Modell bildet Niveauänderungen über ein mittelfristiges Gleichgewicht (ca. 10 Jahre) ab
Grundlage der SimulationGTAP-Datenbank, 65 Sektoren, über 120 Länder